dusk & blackdown – drenched/submerge

keysound 2006

ein atmosphärisches und sehr dichtes debüt von londons wohl wichtigstem kommentator und beobachter der rasant wachsenden dubstep-bewegung, blackdown alias martin clark. in kollaboration mit dusk präsentiert er mit dieser platte eine sehr eigenständige und frische interpretation des londoner undergrounds, und dies im wahrsten sinne des wortes.

«drenched» beginnt nämlich mit einer spätnächtlichen u-bahnfahrt mit all ihren melancholischen geräuschen und einsamen ansagen. plötzlich setzt ein beat ein, langsam und trotzdem zerrend, zusammengebraut aus mindestens fünf bis sechs verschiedenen schlaginstrumenten. bald darauf ein unglaublich tiefer subbass, der sich von nun an als gehaltener ton durch den ganzen track zieht und das paradoxe gefühl von gleichzeitigem stillstand und konstanter bewegung vermittelt…

die flipside ist nicht minder faszinierend, arbeitet jedoch mit einer viel grösseren bandbreite an sounds, allerfeinst und luftig verwebt: zercuttete stimmen aus der echokammer, fieldrecordings, wobbelnde synths im hintergrund, ein fast schon gezupft anmutender bass, schlaghölzchen und in der zweiten hälfte grandios verfremdete und tieftraurige rave-streicher. die melodie steigert sich laufe des tracks zum ultimativen begleiter an einem lausigen, verregneten frühlingsabend und man weiss, dass man diese platte nie wieder aus den händen geben wird.

a. drenched
b. submerge

blackdowns blog
keysound recordings

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

distance – traffic/cyclops

planet mu 2006

schön zu sehen: dubstep wird wieder härter und schneller. distance hat zwar noch nie ein herz für die schwächlinge unter den musikliebhabern gezeigt, trotzdem ist diese single mit abstand das mörderischste und rockendste, das er jemals veröffentlicht hat. und da in den letzten monaten der trend immer mehr richtung verlangsamung, dekonstruktion und minimalisierung der grundlegenden 2-step-rhythmen ging, tut es richtig gut zu hören, dass auch subtile aggressivität und härte noch freunde und käufer findet. «traffic» ist leicht verlangsamter, entschlackter elektronischer heavy metal und illustriert gut nachvollziehbar die haupteinflüsse und inspirationen von distance, die im nu-metal und hardcore-bereich liegen. die drums sind samples von rock-kits und der bass wird so intensiv durch die mangel gedreht, dass er sich wie ein korn- oder sepultura-riff auf ketamin anhört. obendrauf noch einen fast schon klassischen rave-synth gepackt, und schon ist die menge am moshen – garantiert!

«cyclops» nimmt das thema auf, wirkt aber durch den pointierten bass und die fragilen, oft an photek errinnernden beats viel zurückhaltender und beherrschter. hall und echo werden meisterlich eingesetzt und beim genauen hinhören können mindestens vier verschiedene bass-sounds unterschieden werden, die sich die arbeit teilen. überhaupt wurde hier viel liebe in details gesteckt, die sich erst bei wiederholtem hören erschliessen.

a. traffic
b. cyclops

distance
planet mu

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

vex’d – bombardment of saturn/killing floor

planet mu 2006

mit einer verspätung von fast zwei monaten kommt nun diese erste vex’d-single seit fast einem jahr endlich auf den markt. das warten hat sich gelohnt: «bombardment of saturn» schlägt einem – nach einem langen, sehr athmosphärischen und bombastischen intro – mit einem brutalen, druckwellen erzeugenden bass und grimmigen beats direkt in die magengrube. man kann sich eine bombardierung des saturn plötzlich ohne probleme vorstellen und möchte sie lieber aus sicherer entfernung erleben.

«killing floor» auf der flipside ist nicht minder böse und überzeugt durch einen cleveren aufbau, wirkungsvoll gesetzte pausen und eine schmutzige, hinterhältig zutretende bassline. der hohe, leicht angehallte sinuston in den ruhephasen erzeugt eine beklemmung, die an einen guten psychothriller errinnert – und bevor man weiss, was der grund des unbehagens ist, schlägt das verhängnis von unerwarteter seite zu.

a. bombardment of saturn
b. killing floor

vex’d
planet mu

erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

loefah – the goat stare/root

dmz 2006

zwei superminimale und hypnotische tracks von loefah, der schon das dritte mal auf dmz veröffentlicht und diesmal die ganze platte für sich bekommt. «goat stare» gesteht den beats raum und ausgiebigen hall zu, der bass ist monoton und äusserst zurückhaltend moduliert. der titel wie auch die leidenschaftslosen sprachsamples verweisen auf ein experiment amerikanischer wissenschaftler, die einen ziegenbock durch kollektives anstarren und intensives totwünschen umbringen wollten. keine ahnung, ob es gewirkt hat, aber der bezug passt gut zum zwar ruhigen, jedoch keineswegs freundlichen track.

«root» ist ähnlich zurückhaltend, der rhythmus steht jedoch mehr im vordergrund und vermag somit auch mehr druck aufzubauen. kleine, kontrollierte, aber dennoch intensive ausbrüche halten den zweiton-bass interessant. trotzdem wünscht man sich zuerst, dass doch ein bisschen mehr abwechslung geboten würde – bis man sich die zeit nimmt, all die kleinen und kleinsten details zu würdigen, die sich in den vielen lücken dieses sounds verstecken. eine sehr deepe, intensive, aber auch fordernde platte.

a1. goat stare
a2. root

loefah
dmz

erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

boxcutter – tauhid ep

planet mu 2006

mike paradinas, der kopf und inhaber von planet mu, hat wieder einmal mut und voraussicht gezeigt und sich den ersten shooting star der noch übersichtlichen dubstep-szene geangelt. ein weiser schachzug, wird doch das derzeit beste electroniclabel durch boxcutter um eine ziemlich ungewohnte facette erweitert, die einerseits klar auf die labeleigene verspieltheit und liebe zum experiment bezug nimmt, andererseit trotzdem fest in der dubstep-gemeinschaft verankert ist.

nun also die erste platte, und sie spielt diese stärken spielend aus. vier tracks, die alle durch ihren aufbau und ihre variantenreichtum schon fast songcharakter besitzen und eindeutig darauf ausgelegt sind, ein grosses spektrum der fähigkeiten dieses jungen produzenten zu präsentieren. und das geht von wattig-flockigen dubtracks mit daunenfederbass («gave dub») über angejazzte poptracks mit squarepusher-mässigen breakbeat-einschüben («silver birch solstice») bin hin zu ausgefeilt aufgebauten kunstwerken wie dem titeltrack oder auch «bad you do (halfstep)», die beide aus relativ ruhigem gewässer immer tiefer in ein hypereditiertes beatgewitter steuern. überhaupt fällt in fast allen stücken der hohe komplexitätsgrad der drums auf, was bei planet mu ja eigentlich nicht verwundern sollte, in der dubstep-ecke jedoch bestimmt für in paar hochgezogene augenbrauen sorgen wird. aber was solls, puristen standen musikalischen innovationen schon immer im weg, und wenn das angekündigte album diese hier gezeigte dichte an ideen halten und interessant umsetzen kann, dann werden sich einige gestandene produzenten warm anziehen müssen.

a1. tauhid
a2. gave dub (12″ remix)
a1. bad you do (halfstep)
a2. Silver Birch Solstice

boxcutter
planet mu

erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

nach der explosion

In den letzten fünf Monaten erschienen mehr Releases als im gesamten Jahr zuvor, die Zahl der Labels hat sich vervielfältigt und die interessierte Presse sowie die genauestens dokumentierenden Blogs sind daran, die Standards und Grenzen dieses Subgenres abzustecken. Einige wenige Veröffentlichungen fangen an, ähnlich zu klingen, verschiedene Verästelungen wie Halfstep und Breakstep haben sich etabliert und die älteren Labels entwickeln ihre individuelle Handschrift. Eine Szene wächst – nun immer schneller – aus ihren Kinderschuhen.

Zurzeit erscheinen zwei Alben, die man zugleich als Marksteine und zwischenzeitliche Höhepunkte der jüngeren Entwicklung definieren kann: Boxcutters «Oneiric» (siehe auch die Kritik weiter unten) und Burials selbstbetiteltes Werk, beides Debüts. Boxcutter gab seinen Einstand vor nicht mal einem Jahr mit «Brood», einer 12″ auf Hotflush. Burial kennt man von einer EP auf Hyperdub, auch diese kein Jahr alt. Was allerdings auf diesen beiden Alben zu hören ist, stellt nicht nur alles bisher Veröffentlichte in den Schatten, sondern verweist darüberhinaus auf Richtungen, in die sich die Musik entwickeln könnte, und Werte, auf die sie sich zurückbesinnen könnte. Burials Album, von dem ich noch immer keine offizielle Kopie bekommen und somit nur in Auszügen gehört habe, besinnt sich zurück auf swingende Rhythmen, die an die Beats der frühen Horsepower Productions erinnern, auf das melancholisch-euphorische Gefühl, das ein warmer, runder Bass auslösen kann, aber auch auf grundlegende und «primitive» Produktionsmethoden (das ganze Album wurde mit dem simplen Soundeditor «Soundforge» zusammengeschnipselt). Dies alles läuft dem Trend aktueller Veröffentlichungen zur Minimalisierung und Dekonstruktion der Rhythmen und immer aufwändigeren Produktionen diametral entgegen, entfaltet dadurch jedoch eine Signalwirkung, die hoffentlich nicht ohne Folgen bleibt. Boxcutters Album hingegen stürmt vorwärts, sprengt Grenzen und Erwartungen, vermischt Neues mit Bewährtem und verwendet Dubstep genaugenommen nur noch als Fundament und Resonanzboden, auf dem sich alles Mögliche ausprobieren und entwickeln lässt, vom poppigem Ambient bis zum hypereditierten Breakbeatspektakel.

Die Fans und auch Produzenten sind noch wendig und hungrig genug, diese beiden Alben zu schätzen und ihren Einfluss über den grünen Klee zu loben. Es ist ein gutes Zeichen und stimmt erwartungsfroh, dass noch immer eine grosse Offenheit und Negierde gegenüber Neuem und Ungewohntem vorhanden ist. Denn dies ist die beste Voraussetzung dafür, dass es Musiker und DJs gibt, die Bestehendes weiterentwickeln und vorwärtstreiben, ob im Studio oder im Club.

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

knapphalten

Interessiert man sich im Allgemeinen für elektronische Musik und im Besonderen für ihre neusten Abarten, dann hat man spätestens Anfangs dieses Jahres von Dubstep zumindest gehört. Der kleine Bruder des Grime ist mit einer vielbeachteten Sendung auf bbc one Ende 2005 und einer legendär überfüllten Clubnacht im Januar aus seinem Schattendasein im Süden Londons an das Licht der Öffentlichkeit getreten. Natürlich kann man nun diesen neuen Auswuchs elektronischen Schaffens als neuen Hype der trendgeilen britischen Musikpresse abtun; dies ändert allerdings nichts daran, dass sich in den letzten Jahren eine kreative und gut vernetzte Subkultur gebildet hat, die mit Beharrlichkeit an einem unverwechselbaren und eigenständigen Soundentwurf arbeitet.

Der Begriff Dubstep tauchte erstmals 2002 im XLR8R-Magazin auf und bezog sich auf den Sound von Horsepower Productions, die sich von dem – in den letzten Zügen liegenden – 2step-Hype durch den konsequenten Verzicht auf Pop- und R’n’B-Einflüsse abgrenzten und auf darke Subbässe und karibische Einflüsse setzten. Für die Öffentlichkeit wurde Garage jedoch schnell für tot erklärt, und so vergingen einige Jahre ungestörten Produzierens und Weiterentwickelns. Zentrum der langsam wachsenden Szene war Croydon im Süden Londons mit dem (unterdessen geschlossenen) Big Apple Plattenladen, dessen Betreiber mit dem gleichnamigen Label den Sound in Mini-Auflagen veröffentlichten, und Ammunition Promotions, die seit 2001 unzählige Labels wie Tempa, Soulja, Road, Vehicle, Shelflife, Texture und Bingo – oft nur für eine oder zwei Singles – aus dem Boden stampften und manchmal auch wieder eingehen liessen. In dieser Zeit entwickelte sich Dubstep mit Produzenten wie Hatcha, Skream, Menta, Benga vom Garage/Grime-Hybriden zu einem eigenen Stil. Die Musik wurde langsamer, dunkler und minimalistischer; der alles unter sich begrabende Subbass und die erst monoton wirkenden, jedoch sorgfältig produzierten Beats wurden zum Distinktionsmerkmal eines suburbanen Lebensgefühls, das mit Bildern und Tönen einer düsteren, verstädterten Zukunft ergänzt wurde. Einige wenige Clubnächte wie Forward>> namen sich des Phänomens an und massierten in anfangs unregelmässigen Abständen die Mägen der kleinen Soundgemeinde mit den massiven Tiefstfrequenzen.

Parallel dazu entwickelte sich – auch hier aus den Überresten des 2step-Garages – im Osten der Stadt Grime als Musik der unterprivilegierten, hiphopgeprägten Vorstadtjugend. Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit Dubstep lassen sich bis heute feststellen, wobei Grime durch seine Fixierung auf MCs und Stars wie Dizzee Rascal oder Wiley schon vor einiger Zeit in den Genuss der Lobpreisungen diverser Magazine und Medien kam. Nun, da diese wieder abnehmen, zeigt sich, dass der lange Zeit kaum beachtete Nachbar die Zeit gut genutzt hat: Die konstante, harte Arbeit an einem Sound, der durch das Tempo und die Basslastigkeit definiert wird und ansonsten ein riesiges Spektrum von Einflüssen absorbieren kann, hat sich eindeutig durch Substanz und Langlebigkeit ausgezahlt. Die Mechanismen der szeneinternen Qualitätskontrollen – das Knapphalten der veröffentlichten Tracks, dadurch Eingrenzung des Publikums und Kleinhalten der Clubnächte – sowie die relativ eingeschränkte Tanzbarkeit haben die Ausbreitung lange Zeit kontrolliert und nachhaltig stattfinden lassen. Dadurch konnten sich vor allem neue Produzenten etablieren, die der Musik neue Aussagen und Inhalte verleihen konnten: Coki und Mala (Digital Mystikz) mit ihrem Label dmz, Pinch, Vex’d, Loefah, Distance und Pressure sind einige Beispiele.

Dass respektierte und bekannte Electronica-Labels wie Rephlex und Planet Mu auf diese Entwicklung aufmerksam geworden sind und auch schon Platten einiger dieser Künstler veröffentlich haben, darf man getrost als gerechtfertigte Konsequenz dieser jahrelangen Evolution betrachten. Die Zeit ist gekommen, diese Musik in die Welt hinauszutragen und anderen, stärkeren Einflüssen auszusetzen.

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Essentielles:

Coki – Officer [dmz 004]
Kode 9 + Space Ape – Kingstown [Hyperdub 003]
Loefah – Root [dmz 006]
Hatcha – Dubstep Allstars Vol. 1 [Tempa]
Vex’d – Lion/Ghost [Subtext 002]

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Dubstep Forum
Dubstep Blog
Dubstep on Wikipedia
Tempa
dmz
Hyperdub
Sub FM

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erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

interview mit mute.ch

im forum, badenerstrasse, zürich, 27.01.2007

bp: Stellt Euch bitte kurz vor.

Chris: Ich bin Chris Gasser und bin verantwortlich für das Booking und die Events im Allgemeinen, der Kopf des Teams sozusagen.

Fernando: Ich heisse Fernando Gort, zuständig für Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

Alex: Und ich bin Alex Hofmann, der Rechtsanwalt von mute.ch (lacht)

Chris: Dazu gehören auch noch Judith (Sponsoring & Visuals), die momentan auf Reisen ist, ausserdem Christian (Promotion und Personal), Michi (Technik) und Pat (Finanzen).

– Seit wann hört Ihr Drum’n’Bass? Und wann kam das erste Mal mal der Wunsch auf, sich aktiv in die schweizer Drum’n’Bass-Landschaft einzumischen?

Fernando: Drum’n’Bass höre ich seit Mitte der neunziger Jahre, circa ’96 oder so. Ich glaube, das war Kruder & Dorfmeister im Palais (Palais X-tra, ein alteingesessener Zürcher Club) und die legten Drum’n’Bass auf. Das fand ich dann schon ziemlich coole Musik… Daraufhin ging ich ziemlich regelmässig ins Rohstofflager, bis dann irgendwann ein Freund Turntables kaufte und selbst mit auflegen anfing.

Chris: Bei mir wars ein wenig früher, so um ’94…

– Also ziemlich am Anfang. Vorher gabs ja in der Schweiz nicht viel.

Chris: Naja, angefangen hats vielleicht schon ’92, ’93 – aber da konnte ich mit dem Sound noch nicht viel anfangen.

– Ok, das war ja auch noch fast Happy Hardcore.

Chris: Ja, fast. Und ich kam ja vom TripHop und Acid Jazz, habe das auch aufgelegt. Irgendwann kaufte ich dann eine TripHop-Platte mit einem D&B Remix auf der anderen Seite, und der hat mich dann so geflasht, dass mich der Sound nicht mehr los liess.

– Und der Wunsch, dich aktiv mit dieser Musik zu beschäftigen, kam unmittelbar danach?

Fernando: Automatisch!

Chris: Ja, automatisch… Ich wollte diese Musik auflegen, und es gab damals fast gar keine Parties mit dieser Musik. Also haben wir dann angefangen, selbst welche auf die Beine zu stellen und uns so selber Auftritte verschafft.

– Wie siehts bei Dir aus, Alex? Du bist ja eher der Elektro-Hörer.

Alex: Ja, ich habe mit Drum’n’Bass eigentlich wenig am Hut.

– Wie bist denn Du zu mute.ch gestossen?

Fernando: Wir brauchten einen Rechtsanwalt! (lacht)

Alex: Ja, das war der Hauptgrund. Allerdings wollte ich mich schon auch musikalisch einbringen, wenn ich mich schon bei mute.ch engagiere. Ich habe ja vorher auch schon Parties gemacht, einfach in einem anderen Bereich. Und das Rechtliche ist ja doch eher ein kleiner Aufwand bei mute.ch.

Fernando: Was man vielleicht auch gleich sagen muss: Ich selbst bin erst seit drei Jahren bei mute.ch.

Alex: Und ich seit zwei.

Fernando: Chris ist das einzige Gründungsmitglied, das noch aktiv ist.

– Ok, Chris, ich kenn Dich ja noch aus den Zeiten von Icon. Welche Rolle spielte diese Drum’n’Bass-Reihe (immer Sonntags im Supermarket) bei der Gründung von mute.ch? Kann man sich das als eine Vorstufe zu mute.ch vorstellen?

Chris: (zögert) Ja, irgendwie schon… bei Icon war ich ja nicht von Anfang an dabei. Das waren Leute wie David (Diva D), anfangs noch mit Studio B zusammen. Aber vom audioviuellen Standard war das Icon ganz klar ein Vorbild für uns.

– Viele Leute aus Eurer damaligen Umgebung sind ja noch heute gut mit Euch vernetzt.

Chris: Auf jeden Fall! Mit der Zeit wurden das ja auch gute Freunde, und man merkt schnell, mit wem sich gut arbeiten lässt.

– Gabs Dinge, die Ihr euch anders vorgestellt habt, bevor Ihr mute.ch gegründet habt? Oder wusstet Ihr genau, auf was Ihr Euch einlasst?

Chris: Wir wussten gar nichts! Wir wollten einerseits einfach Bookings. So um ’99, als wir mute.ch gegründet haben, wars ja schon so, dass man als Zürcher fast gar nicht zum Zug kam. Das Rohstofflager buchte vor allem Engländer, vor denen vielleicht mal Minus8 oder Led Tampi ein wenig auflegen durften. Sonst gabs gar nichts.
Andererseits war ich dann auch einige Male in London, unter anderem auch im Blue Note an den Metalheadz Sessions, und das war halt schon ein anderer Groove, als hier in der Schweiz vorgeherrscht hat. Sowas wollten wir auch probieren.
Schlussendlich wars einfach so, dass man zusammengesessen ist und Parties gemacht hat. Am Anfang in kleinen Clubs, aber auch Open Air am Zürichsee.

– Die Ziele, die zu mute.ch geführt haben, habt Ihr ja erklärt. Haben sie sich im Laufe der Jahre verändert?

Fernando: Nicht wirklich. Man wird sicher professioneller, versucht bessere Parties zu machen. Aber wir wollen noch immer nicht nur grosse Namen buchen, sondern vor allem spannende Musik bringen.

Chris: Wir versuchen sicher auch ein wenig, diesen Groove aus den neunzigern weiterzuziehen und den Leuten eine Abwechslung zu den vielen Neurofunk- und härteren D’n’B-Parties zu bieten.

Fernando: Auch das Visuelle ist noch immer wichtig. Wir versuchen, mit verschiedensten Visual-Künstlern zusammenzuarbeiten. Und einfach gute Parties zu machen.

– Wie siehts mit dem Anspruch aus, die Vernetzung der Schweizer Szene voranzutreiben?

Chris: Der ist sicher ein wenig in den Hintergrund getreten. Mit der Zeit weiss man einfach, mit wem sich gut arbeiten lässt. Natürlich versuchen wir offen zu bleiben, aber es ist schon so, dass wir heute eher unser Ding durchzuziehen versuchen.

– Gilt das auch für die Bookings?

Fernando: Schon auch, ja.

Chris: Es hat sich einfach ein relativ grosser Pool an Leuten herausgebildet, den wir gern regelmässig buchen und mit denen wir auch ein freundschaftliches Verhältnis pflegen.

Fernando: Das sind dann einfach nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern um die 20. Früher wollten wir ja möglichst alle einbeziehen, aber mit der Zeit merkt man, dass das nicht geht. Wir wollen keine Künstler, die nur kommen, zwei Stunden auflegen und wieder abhauen, sondern Leute, die auch sonst gern an unsere Parties kommen und sich dort wohlfühlen.

Chris: Auf diese Art merkt man dann auch, mit wem man bestimmt nicht mehr zusammenarbeiten will.

Alex: Das hat jetzt vielleicht nicht viel mit der Frage zu tun, aber als ‚Aussenstehender‘ war für mich mute.ch die einzige Crew, die nicht nur in der Drum’n’Bass-Szene bekannt ist, sondern auch in grossen Kreisen ausserhalb. Wenn meine Freunde, die sonst kein D’n’B hören, wiedermal an eine Party mit diesem Sound gehen wollen, dann gehen sie an eine mute.ch -Party.Das hat nach meiner Meinung schon auch mit einem guten Gleichgewicht zwischen Offenheit und einer klaren Vision zu tun.

– Denkt Ihr nicht, dass ein grosser Teil davon auch mit Eurem Auftritt zu tun hat? Ihr habt einen inhaltlich und optisch professionellen Webauftritt, Eure Flyer erkennt man seit Jahren auf den ersten Blick und Eure Partyreihen halten sich sehr konstant im Zürcher Nachtleben.

Fernando: Da will ich natürlich nicht widersprechen! (lacht)

Chris: Sicher auch, ja. Andererseits waren wir lange eine Ausnahme insofern, als dass wir nie nur an Drum’n’Bass Partys gingen wie viele andere in dieser Szene, sondern uns immer auch für andere Sounds stark interessiert haben. mute.ch war früher auch kein reines Drum’n’Bass Label und ist es mit dem Schwesterlabel Magnet auch heutzutage nicht. Heute ist das nicht mehr so wichtig, die Leute sind offener geworden.
Was Freunde, Clubs und Kollaborationen angeht, so haben wir uns in den letzten zwei, drei Jahren in der alternativen Zürcher Technoszene mehr daheimgefühlt haben als im Drum’n’Bass. Musikalisch ist der für mich immer noch an oberster Stelle, keine Frage. Die Freunde und das Umfeld, in dem ich mich wohlfühle, sind hingegen sehr im Elektro und Techno verwurzelt.

– Arbeitsteilung scheint bei Euch ein gut funktionierendes Konzept zu sein. Kam nie das Bedürfnis auf, sich einzumischen, oder ist das für Euch selbstverständlich?

Fernando: Also intern ist das schon klar geregelt. Wir sitzen natürlich immer wieder zusammen und besprechen das Wichtigste, aber in seinem Ressort kann eigentlich jeder schalten und walten.

Chris: Eigentlich besprechen wir ja fast alles miteinander, und an diesen Sitzungen ist es auch erwünscht, dass jeder seinen Senf dazugibt. Verantwortlich für die einzelnen Ressorts sind jedoch immer die, die am Ende auch am meisten Ahnung davon oder sogar beruflich damit zu tun haben.

Fernando: Das gibt immer wieder ausgedehnte Diskussionen, hat aber bis jetzt hervorragend funktioniert.

– Mitte 2005 gabs eine grosse Umstrukturierung bei mute.ch. Unter anderem habt ihr euch von allen Künstlern getrennt. Was waren die Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben?

Chris: Das war damals vor allem mein grosses Anliegen. Einerseits machte ich die Bookings für alle unsere DJs schweizweit. Und da kommt plötzlich Politik ins Spiel: Wenn Ihr einen unserer DJs bucht, dann buchen wir nächstesmal einen der Euren – auch wenn er eigentlich gar nicht auf die Party passt. Auserdem scheint es einfach so zu sein, dass Künstler, in diesem Falle die DJs, nicht die zuverlässigsten Menschen sind. Also ging ein grosser Teil meiner Zeit verloren, indem ich ihnen wegen Auftritten und Mixes nachrennen und sie betreuen musste. Das ist mal ein Grund.

Fernando: Zweitens waren wir einfach zu viele Leute, von denen jeder seine Auffassung und Ansicht abgeben wollte.

Chris: Stimmt so nicht ganz. Natürlich waren wir zu viele, aber von denen haben sich auch ein grosser Teil gar nicht um mute.ch gekümmert – also eher zu wenig Input. Eineinhalb Jahre nach diesem Schritt kann ich sagen: Davor waren wir ein grosser, verkiffter und eher introvertierter Haufen. Jetzt sind wir ein kleines Team, ein bisschen weniger verkifft und sicher extrovertierter. Und das schlägt sich auch ganz klar in unseren Parties nieder.
Fernando: Schlussendlich gings einfach darum, uns vom DJ-Kollektiv zum Veranstalterkollektiv zu wandeln und damit unsere Energie in gute Parties zu stecken und nicht in die DJ-Politik oder intern verpuffen zu lassen.

Alex: Aber einen grossen Vorteil sehe ich schon darin, dass wir dadurch freier sind im Booking der Künstler.

– Ist mute.ch selbsttragend? Oder könnt Ihr sogar leben davon?

(kollektives Gelächter)

Fernando: In der Schweiz kannst Du von Drum’n’Bass nicht leben.

– Aber Ihr kommmt raus?

Fernando: Unterdessen meistens ja… natürlich gibts noch Events, bei denen wir rückwärts machen, aber seitdem wir im Hive sind, hat sich die Situation schon gebessert.

Chris: Und wenn wir vorwärts machen, dann fliesst das Geld in neue Projekte, das bewährt sich unterdessen recht gut.

– mute.ch wird heute stark mit dem Hive Club assoziiert. Früher wars das Moods und die Dachkantine. Wie wichtig ist euch der Bezug zu einer ‚Homebase‘, oder hat sich das einfach ergeben?

Fernando: Das ist einerseits schon wichtig für uns, andererseits gehts auch gar nicht anders. Wenn Du monatlich mehrere Events organisierst, dann kannst du nicht jedesmal einen neuen Raum suchen. Du brauchst einen Platz, wo du hingehörst, ohne jedesmal die ganzen Umstände abschätzen zu müssen. Ausserdem ist das Publikum, aber auch die Clubbetreiber zu wenig flexibel, um dies über längere Zeit mitzumachen. Ich kenne keinen Club, der wöchentlich andere Veranstalter hat.

– Das gibt Euch bestimmt auch einige Sicherheit, was die Planung anbelangt?

Chris: Natürlich. Wir haben nun schon alle Termine bis Ende Jahr fixieren können. Ausserdem kennt man das Barteam, die Security, was mit der Deko möglich ist. Auch die verschiedenen Veranstalter reden miteinander, ganz klar.

– Chris, du bist ja auch Mitinhaber vom Hive.

Chris: Nein, nein, für das habe ich zu wenig Geld! (lacht) Ich bin in der Geschäftsleitung und somit ganz normaler Angestellter. Dort bin ich jedoch vor allem für das Booking zuständig. Wie gesagt, in der Schweiz wird man mit Drum’n’Bass nicht reich.

– Und wenn wir schon von Heimat sprechen: Was bedeutet Zürich für Euch?

Fernando: Das ist schon der Ort, wo wir uns zu Hause fühlen, ganz klar. Da kennt man auch seine Leute, man weiss, wo die Flyer am besten ankommen und hat natürlich auch das Publikum, das einen kennt.

– Wie wichtig sind Euch Beziehungen zu anderen Crews? Gibts da Konkurrenz-Situationen?

Fernando: Sicher auch. Mit gewissen lokalen Crews wie z.b. Hard Drums haben wirs ziemlich gut, obwohl wir soundmässig auf einer ganz anderen Schiene fahren – mit anderen weniger.

Chris: Aus unserer Sicht ists eher so, dass es zu wenig Drum’n’Bass-Veranstalter gibt in dieser Stadt, vor allem in unserem Soundspektrum – so wie Blue Moose vor einiger Zeit, die wir stark supported haben. Wir wünschen uns eigentlich schon mindestens eine zweite Crew, die sich von Sound und Pubikum in unsere Richtung bewegt und auch eine gewisse Konstanz aufweist.

Fernando: Das Ganze hätte nicht mal mit Kokurrenz zu tun, sondern dass man sich auch gegenseitig Publikum schafft. Ich glaube, von einer solchen Situation würden alle Beteiligten profitieren.

Chris: Es ist ja schon so, dass wir uns vor vier, fünf Jahren kontinuierlich vom harten Sound wegbewegt haben, der ja heute noch die Parties dominiert. Wenn man Liquid-Parties macht, fühlt man sich ab und zu schon etwas alleine in der Schweiz.

Fernando: Der Vorteil ist, dass wir sicher als Vorreiter des Liquid Sounds wahrgenommen wurden und werden, zumindest in der Schweiz.

Chris: Und auch heute noch sind unsere Liquid Nights wohl eine der grössten monatlichen Veranstaltungen mit diesem Sound – europaweit!

– Ihr wolltet auch schon nach Paris expandieren, was ist daraus geworden?

Fernando: Nicht viel, leider.

Chris: Aber der Wille, auch im Ausland Parties zu machen, ist bestimmt noch da. In diesem Jahr soll zum Beispiel in Deutschland was stattfinden. Allzuviel will und kann ich dazu aber noch nicht verraten…

– Wie erlebt Ihr die Stimmung in der Schweizer D’n’B-Szene? Ist sie gut? Gibts Durchhänger? Oder ist noch Potential vorhanden?

Fernando: Potential ist ganz bestimmt noch vorhanden, gerade bei den Sounds, die für uns interessant sind.

Chris: Ein grosses Problem sehe ich in der Beständigkeit und Professionalität der Schweizer Drum’n’Bass-Crews. Die legen eine super Start hin mit geilsten Bookings, aber nach einem oder zwei Jahren sind sie wieder von der Bildfläche verschwunden. Viele Parties werden auch von DJs organisiert, was ich nicht nur ideal finde, da dann die ganzen Abhängigkeiten wieder zum Zug kommen. In diesem Bereich ist ganz bestimmt noch riesiges Potential vorhanden.
Alex: Ich denke, die Musik wird auch wieder interessanter. Natürlich wird sie Underground bleiben, die ganz grossen Zeiten sind vorbei. Aber im Moment spüre ich schon, dass durch die Entwicklungen in der Musik auch viele Leute wieder Drum’n’Bass hören, die dieser Musik eigentlich den Rücken zugekehrt haben. Leute wie John B zum Beispiel, den wir ja vor kurzem bei uns hatten, tun der Szene meiner Meinung nach extrem gut, da sie ein gewisses Glamour- und Crossoverpotential mitbringen und so auch neues Publikum holen.

– Ihr habt vor kurzem eine Platte gemacht… bedeutet das, dass mute.ch u.a. auch zum Label mutiert? Oder war das eine einmalige Sache?

Fernando: Ja, die Idee ist schon eine Weile in der Luft…

Chris: Für uns ist diese Platte wie ein erster Testlauf. Es ist ja auch eine Whitelabel, zwei Remixes eines bekannten Tracks aus der Fernsehwerbung von Michi (Tin Man) und Mischa (Mijatoho), der halt an den Parties auch immer sehr gut ankam. Davon haben wir 300 Stück gepresst, von denen nun schon fast alle weg sind. Durch einen Kontakt in England, der uns durch die Jahre immer begleitet hat und nun in einem Vertrieb arbeitet, konnten wir die Platte auch unter die Leute bringen.

– Und ihr könntet euch vorstellen, noch eine zu releasen?

Chris: Auf jeden Fall. Natürlich auch wieder in ähnlicher Auflage und nicht sofort, aber wenn uns ein toller Tune angeboten wird – warum nicht? Wir wollen uns jedoch sicher auf Schweizer Künstler konzentrieren und nicht drittklassige Tracks von bekannten Namen signen.

– Wie seht Ihr die Zukunft von mute.ch? Was wollt ihr noch erreichen? Wollt Ihr expandieren, grösser werden? Oder ist es ideal wie es jetzt läuft?

Fernando: Eigentlich ist es ideal, wie’s jetzt läuft.

Chris: Für uns ist jetzt momentan auch ein Zeitpunkt, an dem wir die Früchte unserer Arbeit langsam geniessen können. Also geht es uns vor allem darum, nach den letzten Jahren, in denen es doch viele Veränderungen gab, ein wenig Stabilität in mute.ch zu bringen, sozusagen zu konsolidieren.

Fernando: Wo wir sicher Fortschritte machen wollen und was in diesem Interview nun auch ein wenig untergegangen ist, ist unsere Elektro-Hälfte, ‚Magnet‘. Das ist  unser Schwesterlabel, welches wir letztes Jahr gegründet haben. Mit dem wollen wir ganz sicher expandieren… Wir möchten mit eher kleinen Events starten, im Superzero zum Beispiel werden wir dieses Jahr einige Anlässe organisieren.

Alex: Mit Magnet waren wir jedoch auch schon im Hive aktiv. Das Hive hat aber doch eine ziemliche Kapazität, man bringt dort über 1000 Personen rein. In dieser Grösse mit anderen Elektro- und Minimal-Veranstaltern konkurenzieren zu wollen bringt nichts. Vor allem, da es im Hive ja sowieso schon aktive Veranstalter mit diesem Sound gibt. Für mich persönlich ist es ganz klar ein Bedürfnis, mit Magnet auch wieder kleinere Nächte zu organisieren, wo man nicht immer auf die Anzahl Leute schielen muss und dadurch auch weniger Kompromisse eingehen muss.

Chris: Ja, auch für mich wäre es ein Traum in Sachen Drum’n’Bass vermehrt kleinere Parties für deeperen, eher verbreakteren Sound zu machen… im Moment fehlen in Zürich leider ganz klar die Räumlichkeiten für sowas. Man muss schon ganz klar sehen: Mit unseren Events im Hive sprechen wir ein eher kommerzielles Publikum an, das in erster Linie Party machen will. Fünfzig Prozent unserer Besucher hören sonst kein Drum’n’Bass… Es ist natürlich genial, sowas geschafft zu haben, vor allem wenn dann der Frauenanteil auch noch sehr hoch ist. Andererseits schränkt es auch ein, da man nicht jeden Act, den man jetzt pesönlich so gern booken würde, im Hive spielen lassen kann – weil sonst einfach die Leute nach einer Stunde rauslaufen würden.

fotos von mute.ch

gekürzt erschienen im resident magazin, ausgabe 7, 2007

 

axiom

 

Axiom macht Musik, seit seine Eltern ihn in den Klavierunterricht geschickt haben. Bestimmt nicht immer ganz freiwillig lernte er so schon früh die klassischen Grundlagen des Musikmachens. Später vertiefte er sich – diesmal freiwillig – in Ambient und experimentellen Klängen, bis ihn die enorme Klangbreite und der technische Anspruch des Drum’n’Bass zu faszinieren begann.

Sein ausgefeilter und detailverliebter Neurofunk wird allerdings erst langsam richtig wahrgenommen – obwohl der erste Release des Berners schon Ende 2005 in die Läden kam: Eine Kollaboration mit Optiv auf dessen Label Red Light Records (UK). Danach ging es Schlag auf Schlag:

„Ich habe Optiv zufällig an einem gemeinsamen Gig getroffen. Da habe ich paar meiner Sachen gespielt, worauf er mich ins Studio eingeladen hat. Daraus entstand die erste Collab „Nightfalls“.
Kurz darauf organisierten wir die 2te Collab mit Chris.SU: „Soulcube“. Nachdem ich die Solo 12″ für Redlight fertig hatte und die Tunes im Umlauf waren, erhielt ich von diversen Labels Angebote und habe meine Tunes auf die Passenden platziert.“

Die Passenden waren bis jetzt: Hostile (USA), Syndrome (NL) und Shadybrain (DE). Auf Letzterem wird es gleich zwei Releases geben: Die 002 mit Optiv und die 004, eine Solo 12″.

Was auffällt, ist die grosse Anzahl Kollaborationen im Vergleich zu seinen Soloarbeiten. Und obwohl er „beides gerne macht“, ist eine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern schliesslich doch etwas Spezielles, denn „natürlich vergrössert sich bei einer Collab der Ideen-Pool. Wenn die Konstellation stimmt, schaukelt sich das Ganze enorm auf. Auf der anderen Seite bedeuted jede Collab, Kompromisse zu machen.“

Durch die erfolgreichen Releases hat sich seine Zukunftsplanung stark verändert. Schon vor einiger Zeit „war das Auflegen nicht mehr geplant. Die jetzige Ausgangslage ist natürliche eine ganz andere. […] Es freut mich sehr, dass ich durch meine Musik zum Reisen komme und so Leute aus aller Welt kennenlerne.“

http://www.myspace.com/axiomadness

fotos von Das Auge

erschienen im resident magazin, ausgabe 7, 2007

 

burial – south london boroughs

hyperdub 2005

ein weiterer release, der sich nahtlos in die hyperdub-philosophie einreiht und sich unglaublich tief in dub und wahnsinn (die nach lee perry ja untrennbar verbunden sind) verbohrt. der erste track legt mit einem wunderschön traurigen, verhallten sample und einem harmlos swingenden, fast schon klassischen two-step-beat los. der bass ist warm, massiert die magengrube, und schon will man sich wohlig zurücklehen – da schneidet dieses ausserirdische geräusch zwischen jetstream und zischen die friedliche athmosphäre entzwei. von da an ist nur noch greifbare dunkelheit und eine latente, richtungslose bedrohung im raum.

der zweite track, ’southern comfort‘, wirkt etwas wärmer und noch deeper als der erste. hallend, eine unvorstellbare weite in sich tragend, pulsiert er sich unter jede hirnrinde und lässt den ganzen körper im takt mitschwingen.
danach ‚broken home‘, eine sehr fragile beatkonstruktion, die nur durch wundervoll ausgewählte stimmfragmente und weit schwebende flächen zusammengehalten wird. minimste details, feinstes rauschen und ein zartes knistern lassen errinnerungen hochkommen und wieder verfliegen; ganze tage könnten vergangen sein, bis sich dieses gebilde zur ruhe legt.

zum schluss eine dunkel stampfende liebeserklärung ans zugfahren. melancholie, müdigkeit und eine wunderschöne frauenstimme lassen die gedanken in unerreichbare fernen schweifen. bis man aussteigen muss.

01. south london boroughs
02. southern comfort
03. broken home
04. nite train

www.hyperdub.net