ricky force – the touch/what to do

pressin hard records 2018

ziemlich unverhofft vor einer woche angekündigt, nun auch wirklich draussen: die dritte platte auf richard tuckers – alias ricky force – privatlabel pressin hard records ist das erste lebenszeichen dieses outlets seit fast fünf jahren. die platte war schon zackig ausverkauft, aber auch digital machen die beiden oldschool-jungletracks richtig was her.

die a-seite gehört ‚the touch‘, einem wundervoll ätherischen stück ambient jungle mit weichen, warmen bässen und liebevoll ziselierten snares. die abstrahierten vogelschreie und athmosphärisch hallenden stimmen lassen wehmütige erinnerungen an ltj bukems beste zeiten aufkommen und werfen sofort ein durch kristallklare flächen gebrochenes kopfkino an. mit viel raum und perfekt produziert schliesst dieser track nahtlos an den anspruch des labels an, die goldene äre des jungle mit den neusten produktionsmethoden aufleben zu lassen.

 

auch ‚what to do‘ startet mit warmen flächen und viel athmosphäre, wirkt jedoch schon zu beginn viel dramatischer und erzeugt mit hihat und frauenstimme atemlose spannung, die schon bald brutal und schlagartig aufgelöst wird durch den wirbel druckvollst produzierter amens. es ist immer wieder schön zu hören, wie dieser beat aufs neue zerhackt und neu zusammengesetzt wird, und auch wenn ricky force sich hier zum grossen teil an sehr erprobte muster hält, findet er immer wieder einen weg, den track frisch und und den tänzer bei der sache zu halten. vor allem die als emotionale farbtupfer gesetzten samples weiblichen gesangs verleihen der leicht gehetzt wirkenden atemlosigkeit der drums eine persönliche note.

 

beide seiten der platte wirken ein wenig zu kurz, und somit bleibt nur zu hoffen, dass es nicht wieder fünf jahre dauert bis zum nächsten nostalgieschub rickys!

pressin hard records
ricky force auf soundcloud

proc fiscal – hello boss

cosmic bridge 2018

cosmic bridge startet 2018 mit einer hochenergetischen ep voller frischer ideen und frecher einfälle. proc fiskal ist der künstlername des 21-jährigen joe powers, ein edinburgher, der schon früh durch youtube den verführungen und lockungen des uk hardcore continuums erlag. indem er diese einflüsse destillierte und auf 160 bpm herunterkochte, erreichte er schnell interessierte hörer und wurde bald auch von veteranen wie dem grime-dj spooky im radio gespielt. bald darauf gabs eine ep bei hyperdub, auf der grime mit erstaunlichen resultaten auf jungle-geschwindigkeit gedopt wurde. all dies scheint die aufmerksamkeit des cosmic-bridge-labelchefs, om unit aka jim coles, erregt zu haben und führte schliesslich zu ‚hello boss‘, auf der proc fiskal in den dunklen ecken zwischen garage, grime und ragga jungle herumstochert.

man spürt schnell: die tracks auf ‚hello boss‘ wurden für djs produziert: energievoll, vielseitig und hochgradig tanzbar. mit ‚a fragrance‘ wird gleich in die vollen gegriffen: eine unglaublich frisch und gleichzeitig nostalgisch klingende kombination aus mitte-90er-jungle und uk garage mit supertight gecutteten breakbeats, satt klickenden snares und einer fiesen bassline – klingt fast, wie wenn sich potential badboy und 2 smooth für einen tag im studio eingeschlossen hätten. ‚hello boss‘ nimmt seine hauptsamples aus einem bollywoodstreifen und lässt drums und bassline gegeneinander antreten, miteinander tanzen und beide ihre stärken voll ausspielen. das ganze wirkt überraschend dicht und ist trotz seiner luftigkeit und teilweise spartanischen ausstattung ein unglaublicher knaller auf dem floor.

auf ‚who can’t hear‘ beweist, dass der junge künstler seine youtube-jungle-lektionen intensiv und leidenschaftlich verinnerlicht hat: ein fast schon klassischer ambient-roller früher bukemscher prägung, die ecken gebrochen und kanten geschliffen mit der hochmodernen produktion und ergänzt mit wunderschön sanften flächen und einer handvoll samples, die jedem junglist vor freude die tränen in die augen treibt. den abschluss macht ‚window cat‘ mit schnappatmenden grime-beats und einer eiskalten bassline, die einem die luft aus den lungen drückt.

‚hello boss‘ passt unglaublich gut zu cosmic bridge – das sich genau den winkeln und ecken verschrieben hat, die sich bei 160bpm zwischen den verschiedenen strängen des hardcore continuum auftun – und zeigt mit einer fantastischen leichtigkeit und selbstverständlichkeit, wohin die reise führen kann, wenn man seinen geist offen hält.

von garage zu dubstep – minidoku von resident advisor

in knapp 9 minuten wird hier eine der vitalsten und wildesten entwicklungen der englischen clubmusik eingehend dokumentiert und mit tonnenweise einspielungen grandioser tracks untermalt. dass – wie auch in den kommentaren moniert – el-b’s zweifellos grosser einfluss in diesem prozess nirgends erwähnt wird, kann man dem film durchaus vorwerfen, ändert schliesslich jedoch wenig an der qualität dieses musikgeschichtlichen kleinods.

oregon trail – h/aven

czar of bullets 2018

oregon trail lassen gleich zu beginn wenig zweifel daran, dass sie ihre themen umfassend und mit bedacht setzen: wenn ein album mit titeln namens ’sun gone missing‘ und ‚aimless at last‘ einsteigt, muss davon ausgegangen werden, dass dunkelheit, orientierungslosigkeit und verzweiflung auch im weiteren verlauf des werks eine bestimmende rolle spielen werden. nun ist die vertonung solcher negativen emotionen gerade im post-hardcore sicher nichts grundlegend neues und gehört eigentlich schon fast zum guten ton – um so mehr überrascht und fasziniert es, wie gekonnt diese band aus der französischen schweiz im laufe der 42 minutes ihres zweiten albums dieser thematik neue konstraste, blickwinkel und ideen abtrotzt. sei es textlich mit dem bezug zur umgebenden, oft feindlich wahrgenommenen natur und landschaft le locles, wo das album aufgenommen wurde, sei es musikalisch mit einer unglaublichen dichte an ideen, intelligenten strukturen und unerwarteten dynamiken, oder sei es gestalterisch mit einem cover, das eine impressionistische fotografie lokaler gegebenheiten in ein klassisch strenges layout einbettet.

dies alles weist darauf hin, dass oregon trail lange und intensiv an diesem album gearbeitet haben und viel herzblut in die produktion geflossen ist. kein einziger song ist füllmaterial, jeder einzelne hat einen individuellen charakter und vereint sich trotzdem mit den anderen zu einer festgefügten und wohlgeordneten truppe, die unter ihrer rauheit und brutalität nie ihre menschlichkeit verliert. im gegenteil: charles-a. berhards stimme schreit, stöhnt, predigt und brüllt an gegen die manchmal beinahe erdrückende übermacht von bass und gitarren, kann sich aber auch kehlig singend an glitzernde melodieläufe schmiegen und deckt eine emotionale bandbreite ab, die in diesem genre selten gefunden wird. doch auch die gitarren dürfen und können viel hier: disziplinierte sprints wechseln sich ab mit psychedelisch schimmernden soundwänden, die sich übereinandertürmen, bis sie in sich zusammenfallen und sich in noisiger gischt auflösen, klare klänge lassen licht und luft in die dichten kompositionen eindringen, nur um wenig später überaus kontrolliert und effektiv in heftiges feedbacks zu kippen. auch der bass ist mächtig und präsent und legt mit den drums eine solide basis, die auch in rhythmisch unruhigen wassern niemals auseinanderfällt. erst beim gewaltigen finale ‚marble grounds‚ zeigen sich erste auflösungserscheinungen: der song schraubt sich in seinen epischen siebeneinhalb minuten immer tiefer in den noise und das chaos – bis er auf der anderen seite herauskommt und sich in triumphaler ruhe und leichtigkeit im flirrenden sonnenlicht auflöst.

‚h/aven‘ erscheint heute auf czar of bullets.

 

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vykhod sily podcast – anna ruff guest mix

für den heutigen anlass vielleicht ein wenig düster, aber dennoch eines der besseren ambient-sets, die ich dieses jahr gehört habe. anna ruff schichtet hier weite flächen, field recordings, lose verwobene rhythmen und viel athmosphäre zu einer stunde langsamer und nachhaltiger introspektion. die räume sind weit und dunkel, melodien sind karg, scheinen jedoch umso wärmer, sobald sie sich sonnenstrahlen gleich durch die schwer drückende decke grollender bässe gekämpft haben. beats schleichen sich an und lösen sich in pixelwolken wieder auf, bedrohliches klopfen, pochen und knirschen scheint von unter den füssen zu kommen – erst ganz am ende gibts ein paar minuten zen-artigen schwebezustands.

überhaupt muss ich hier dem vykhod sily podcast endlich mal ein kränzchen winden: seit 2013 bietet die plattform aus jekaterinburg mixes und guestmixes mit einer unglaublichen konsistenz und qualität. das spektrum reicht von hartem drum’n’bass über darken techno und halfstep bis hin zu industrial, drones und ambient – eigentlich ein weites feld, und trotzdem verbindet die sets eine grundstimmung postapokalyptischer düsternis, durchsetzt von gelegentlichem neonflackern. gerade auf nächtlichen zugfahrten eine grossartige begleitung!

neo noire – element

czar of revelations 2017

dass die popkultur der neunziger schon eine ganze weile wieder im schwange ist, dürfte wohl spätestens seit dem eurodance-revival und der wiederaufnahme von akte x auch dem letzten hinterwäldler klar geworden sein. in der schweiz manifestierte sich dieses phänomen bis heute vor allem in 90er-hits-parties und der vermehrten sichtung von zeitgeistinspirierter mode an jungen und bald schon alten menschen – was insofern schade ist, als diese ära gerade abseits vom mainstream besonders spannend und fruchtbar war. skatekultur und alternative lebensentwürfe fanden ihre musikalische enstprechung in hardcore, techno, metal, hiphop, rock und jazz. die daraus beinahe explosionsartig entstehenden spielarten und hybriden prägen bis heute unsere wahrnehmung des musikalischen geschehens: crossover, jungle, triphop, industrial, noise rock und nicht zuletzt grunge sind ausprägungen einer haltung des einerseits furchtlosen, andererseits beherrschten ausprobierens und kombinierens von sounds, produktionsweisen und stimmungen.

NEO NOIRE

diese haltung spürt und hört man auch auf ‚element‚, dem morgen erscheinenden debut von neo noire. die band wurde 2016 von fredy rotter (zatokrev, the leaving, crown) und thomas baumgartner (erotic jesus, gurd, undergod) gegründet, unterstützt von franky kalwies (ex-disgroove) und david burger (ex-slag in cullet). die breite und tiefe der hiermit versammelten musikalischen erfahrung in der schweizer rock- und metalszene ist immens und wird mit einer so hinreissenden spielfreude und nonchalance fusioniert, dass es eine wahre freude ist. erklärte absicht ist ein hybrid aus post-/ psychedelic rock und metal, herausgekommen ist eine der mitreissendsten und unsentimentalsten hommagen und verbeugungen vor dem alternativen rock der 90er jahre. smashing pumpkins und jane’s addiction werden im promotext genannt, aber dies kratzt nicht mal an der oberfläche: dieses album strotzt nur so von anspielungen und reminiszenzen als beinahe jede musikalische grösse, die sich vor einem vierteljahrhundert zwischen rock und metal bewegte. dabei schaffen es die musiker fast immer, spielerisch die balance zwischen subtiler anspielung und frischer eigenständigkeit zu finden – und sich im zweifelsfalle immer für die zweite option zu entscheiden. genau darum macht das anhören dieses werks auch so spass: substanz geht über ästhetik, innovation über konservation, freude über konzept.

Neo Noire - Element cover hi res rgb

dies wird schon in der ersten minute des openers ‚walkers‚, welcher auch gleich die erste single-auskopplung des album stellt, mit einem treibenden bass und sägenden gitarren lautstark proklamiert. der song packt zu, zieht den hörer in einen wirbel vage bekannter stimmungen und lässt über die gesamten sechseinhalb hervorragend komponierten minuten nicht mehr los. soundwände türmen sich auf, fallen ineinander und werden dabei begleitet von einem gesang, der die sich unweigerlich einstellenden stimmungen zwischen melancholisch und vorwärtsrockend melodiös vermitteln kann. ‚save me‚ schliesst fast nahtlos an, ist aber langsamer, brodelnder und bluesiger. auch hier gibts im chor gesungene hooks, meisterhaft hervorgerufene athmosphären und schillernde gitarrensolos. das zackige ’shotgun wedding‘ vereint die schnörkellose gitarrenarbeit von slayer mit den stürmisch-warmen harmonien von i mother earth, bevor ‚home‘ mit psychedelischer langsamkeit die bremse wieder anzieht. schon bei diesem song, noch viel mehr aber bei ‚element‚, wird klar, wieso die band gerade auf die smashing pumpkins verweist: eine virtuosere, eigenständigere und spannendere annäherung an den sound dieser grunge-heroen wird wohl schwierig zu finden sein. was jedoch den abwechslungsreichtum und die ungestüme spielfreude von neo noire angeht, kommt der vergleich mit jane’s addiction der sache wohl doch näher. dabei ist das album absolut auf der höhe der zeit: ein unglaublich versiertes songwriting, das sich die ganze bandbreite der vereinigten kompositorischen erfahrung zunutze macht, und eine produktion, die an klarheit und dynamik ein strahlendes beispiel ist. nur schon die unglaubliche vielfalt und trotzdem punktgenaue einsatz der gitarrenklänge und -effekte, seien sie nun kristallklar perlend oder staubig komprimiert, beeindruckt immer wieder aufs neue, ganz zu schweigen vom gesamtsound, der trotz grosser wandlungsfähigkeit immer erkennbar und eigen bleibt.

somit dürfte klar sein, dass auch für die restlichen und bisher unerwähnten drei songs des knapp einstündigen albums eine unbedingte kaufempfehlung ausgesprochen weren kann. gerade das epische finale ‚infinite secrets‘ dreht nochmals ganz gross auf und bietet mit grossen melodiebögen und weiten gesten, die in furiosen gitarenattacken gipfeln, einen selbstbewussten und fast schon sehnsüchtig nachklingenden abschluss.

neonoire.net
neonoire.bandcamp.com
czarofcrickets.com

various artists – stem

ital dred 2017

ganze 55 tracks bietet die neuste compilation des umtriebigen londoner labels ital dred. viele waren schon seit einiger zeit auf soundcloud zu hören, hinzugekommen sind einige zückerchen wie ein zweiter sir hiss-track, ein mjk-refix des ‚blue rizla‚-tracks von wiley und danny weed, ein wunderbar bekiffter gypsy mamba-beat und vieles mehr. die sounds bewegen sich in meist enspanntem tempo auf dem spielfeld aus staubigen hip-hop-beats und polierter electronica, souligen samples und grimy synths und bietet damit eine sehr nette möglichkeit, sich zumindest über den instrumental-beats bereich des weitläufigen ital dred-katalogs einen kleinen überblick zu verschaffen.

die ganze ladung gibts als ’name your price‘-release auf bandcamp.