asbest – driven

a tree in the field records / czar of bullets 2018

asbest ist eine junge basler band, gegründet 2016 von der sängerin und gitarristin robyn trachsel, der bassistin judith breitinger und dem schlagzeuger jan häfele, der unterdessen von jonas häne (heavy harvest) ersetzt wurde. mit nur einer selbstvertriebenen ep im portfolio, aber voller selbstbewusstsein und einer gehörigen portion zorn im bauch stellen sie sich heute der welt mit diesem album vor.


gleich vorneweg: das selbsbewusstsein ist absolut gerechtfertigt. die unglaublich organische vermengung verschiedenster einflüsse und mehr oder weniger agressiver musikstile ist eine der eigenschaften dieser band, die schon beim ersten hördurchgang auffällt und tief beeindruckt. wohl noch nie wurden kalter post punk, leidenschaftlichster noiserock und hypnotischer shoegaze so selbstverständlich ineinander verwoben, zusammengehalten durch die eindringliche, unglaublich wandelbare stimme von robyn trachsel und eine förmlich durch die boxen drückende spielfreude und gleichzeitiger disziplin dieser band. wunderbarerweise klingt nichts davon gesucht oder gekünstelt, im gegenteil: viele der songs klingen so direkt aus dem bauch gespielt, dass man meinen könnte, eine über jahrzehnte eingespielte band vor sich zu haben, die ihre alten hits neu interpretiert.

Asbest Promo Picture 2 small rgb (for web)

und doch stecken viel arbeit und tausende übungsstunden in diesem album: die vielschichtigkeit von trachslers texten, oszillierend zwischen wütender anklage, zynischem spott und energetischem aufbruch, die liebevoll und detailreich ausgearbeiteten songstrukturen und das beeindruckend gekonnte wechselspiel von glühend heissen und klirrend kalten klängen und stimmungen – all dies fliegt keiner band einfach zu, sondern muss hart und schweisstreibend erarbeitet werden. asbest haben sich für diese arbeit nie zu schade und dürfen deshalb heute mit berechtigtem stolz und befriedigung ein album vorstellen, das sie als band in den oberen ligen europäischer rockbands platziert und die messlatte für zukünftige releases, aber auch konzerte sehr hoch anlegt.

ob diese – zumindest live – nicht sogar übertroffen wird, lässt sich schon im oktober an diversen konzerten in der deutschschweiz nachprüfen.

06.10.2018 albani, wintherthur
12.10.2018 kaschemme, basel
30.10.2018 bad bonn, düdingen
31.10.2018 palace, st. gallen
23.11.2018 coq d’or, olten
08.02.2019 one of a million festival, baden

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humus‘ tahini singles nehmen fahrt auf

im dezember 2017 startete das schweizer label hummus mit emilie zoés ‚leaving san francisco‚ eine reihe liebevoll gestalteter 7“-singles, benannt nach einer weiteren paste aus der arabischen küche. die aufnahmen sind live und roh, ab und zu mit digitalen overdubs abgeschmeckt, und kommen aus den talentierten und umtriebigen händen von labelboss louis jucker.

gestern wurde diese reihe nun fulminant fortgesetzt, und zwar mit gleich zwei singles: dezember (tahini single 002) hat prune carmen diaz an den vocals, pascal lopinat an den drums und gitarren, louis jucker am bass und nathan baumann an den keys. diese band hat einen wunderbar organischen klang, der mit konzentration und reduktion auf repetitive sturheit und psychedelische flächen eine ganz eigene, hypnotische stimmung entstehen lässt. prune carmen diaz stimme ist dazu die ideale ergänzung und zieht den hörer tief in ihren bann.

 

die zweite single kommt von nathan baumann himself, komplettiert nur durch ana carla maza am violoncello für den ersten song: eine wunderschön ergreifende pianoballade mit herzzerreissender melodie. auch der zweite titel nutzt das klavier als tonangebendes instrument, ist jedoch in seiner staubigen reduziertheit viel näher und intimer beim hörer, der sich je länger je mehr in der athmosphäre kleinster nebengeräusche verliert.

ricky force – the touch/what to do

pressin hard records 2018

ziemlich unverhofft vor einer woche angekündigt, nun auch wirklich draussen: die dritte platte auf richard tuckers – alias ricky force – privatlabel pressin hard records ist das erste lebenszeichen dieses outlets seit fast fünf jahren. die platte war schon zackig ausverkauft, aber auch digital machen die beiden oldschool-jungletracks richtig was her.

die a-seite gehört ‚the touch‘, einem wundervoll ätherischen stück ambient jungle mit weichen, warmen bässen und liebevoll ziselierten snares. die abstrahierten vogelschreie und athmosphärisch hallenden stimmen lassen wehmütige erinnerungen an ltj bukems beste zeiten aufkommen und werfen sofort ein durch kristallklare flächen gebrochenes kopfkino an. mit viel raum und perfekt produziert schliesst dieser track nahtlos an den anspruch des labels an, die goldene äre des jungle mit den neusten produktionsmethoden aufleben zu lassen.

 

auch ‚what to do‘ startet mit warmen flächen und viel athmosphäre, wirkt jedoch schon zu beginn viel dramatischer und erzeugt mit hihat und frauenstimme atemlose spannung, die schon bald brutal und schlagartig aufgelöst wird durch den wirbel druckvollst produzierter amens. es ist immer wieder schön zu hören, wie dieser beat aufs neue zerhackt und neu zusammengesetzt wird, und auch wenn ricky force sich hier zum grossen teil an sehr erprobte muster hält, findet er immer wieder einen weg, den track frisch und und den tänzer bei der sache zu halten. vor allem die als emotionale farbtupfer gesetzten samples weiblichen gesangs verleihen der leicht gehetzt wirkenden atemlosigkeit der drums eine persönliche note.

 

beide seiten der platte wirken ein wenig zu kurz, und somit bleibt nur zu hoffen, dass es nicht wieder fünf jahre dauert bis zum nächsten nostalgieschub rickys!

pressin hard records
ricky force auf soundcloud

proc fiscal – hello boss

cosmic bridge 2018

cosmic bridge startet 2018 mit einer hochenergetischen ep voller frischer ideen und frecher einfälle. proc fiskal ist der künstlername des 21-jährigen joe powers, ein edinburgher, der schon früh durch youtube den verführungen und lockungen des uk hardcore continuums erlag. indem er diese einflüsse destillierte und auf 160 bpm herunterkochte, erreichte er schnell interessierte hörer und wurde bald auch von veteranen wie dem grime-dj spooky im radio gespielt. bald darauf gabs eine ep bei hyperdub, auf der grime mit erstaunlichen resultaten auf jungle-geschwindigkeit gedopt wurde. all dies scheint die aufmerksamkeit des cosmic-bridge-labelchefs, om unit aka jim coles, erregt zu haben und führte schliesslich zu ‚hello boss‘, auf der proc fiskal in den dunklen ecken zwischen garage, grime und ragga jungle herumstochert.

man spürt schnell: die tracks auf ‚hello boss‘ wurden für djs produziert: energievoll, vielseitig und hochgradig tanzbar. mit ‚a fragrance‘ wird gleich in die vollen gegriffen: eine unglaublich frisch und gleichzeitig nostalgisch klingende kombination aus mitte-90er-jungle und uk garage mit supertight gecutteten breakbeats, satt klickenden snares und einer fiesen bassline – klingt fast, wie wenn sich potential badboy und 2 smooth für einen tag im studio eingeschlossen hätten. ‚hello boss‘ nimmt seine hauptsamples aus einem bollywoodstreifen und lässt drums und bassline gegeneinander antreten, miteinander tanzen und beide ihre stärken voll ausspielen. das ganze wirkt überraschend dicht und ist trotz seiner luftigkeit und teilweise spartanischen ausstattung ein unglaublicher knaller auf dem floor.

auf ‚who can’t hear‘ beweist, dass der junge künstler seine youtube-jungle-lektionen intensiv und leidenschaftlich verinnerlicht hat: ein fast schon klassischer ambient-roller früher bukemscher prägung, die ecken gebrochen und kanten geschliffen mit der hochmodernen produktion und ergänzt mit wunderschön sanften flächen und einer handvoll samples, die jedem junglist vor freude die tränen in die augen treibt. den abschluss macht ‚window cat‘ mit schnappatmenden grime-beats und einer eiskalten bassline, die einem die luft aus den lungen drückt.

‚hello boss‘ passt unglaublich gut zu cosmic bridge – das sich genau den winkeln und ecken verschrieben hat, die sich bei 160bpm zwischen den verschiedenen strängen des hardcore continuum auftun – und zeigt mit einer fantastischen leichtigkeit und selbstverständlichkeit, wohin die reise führen kann, wenn man seinen geist offen hält.

von garage zu dubstep – minidoku von resident advisor

in knapp 9 minuten wird hier eine der vitalsten und wildesten entwicklungen der englischen clubmusik eingehend dokumentiert und mit tonnenweise einspielungen grandioser tracks untermalt. dass – wie auch in den kommentaren moniert – el-b’s zweifellos grosser einfluss in diesem prozess nirgends erwähnt wird, kann man dem film durchaus vorwerfen, ändert schliesslich jedoch wenig an der qualität dieses musikgeschichtlichen kleinods.

oregon trail – h/aven

czar of bullets 2018

oregon trail lassen gleich zu beginn wenig zweifel daran, dass sie ihre themen umfassend und mit bedacht setzen: wenn ein album mit titeln namens ’sun gone missing‘ und ‚aimless at last‘ einsteigt, muss davon ausgegangen werden, dass dunkelheit, orientierungslosigkeit und verzweiflung auch im weiteren verlauf des werks eine bestimmende rolle spielen werden. nun ist die vertonung solcher negativen emotionen gerade im post-hardcore sicher nichts grundlegend neues und gehört eigentlich schon fast zum guten ton – um so mehr überrascht und fasziniert es, wie gekonnt diese band aus der französischen schweiz im laufe der 42 minutes ihres zweiten albums dieser thematik neue konstraste, blickwinkel und ideen abtrotzt. sei es textlich mit dem bezug zur umgebenden, oft feindlich wahrgenommenen natur und landschaft le locles, wo das album aufgenommen wurde, sei es musikalisch mit einer unglaublichen dichte an ideen, intelligenten strukturen und unerwarteten dynamiken, oder sei es gestalterisch mit einem cover, das eine impressionistische fotografie lokaler gegebenheiten in ein klassisch strenges layout einbettet.

dies alles weist darauf hin, dass oregon trail lange und intensiv an diesem album gearbeitet haben und viel herzblut in die produktion geflossen ist. kein einziger song ist füllmaterial, jeder einzelne hat einen individuellen charakter und vereint sich trotzdem mit den anderen zu einer festgefügten und wohlgeordneten truppe, die unter ihrer rauheit und brutalität nie ihre menschlichkeit verliert. im gegenteil: charles-a. berhards stimme schreit, stöhnt, predigt und brüllt an gegen die manchmal beinahe erdrückende übermacht von bass und gitarren, kann sich aber auch kehlig singend an glitzernde melodieläufe schmiegen und deckt eine emotionale bandbreite ab, die in diesem genre selten gefunden wird. doch auch die gitarren dürfen und können viel hier: disziplinierte sprints wechseln sich ab mit psychedelisch schimmernden soundwänden, die sich übereinandertürmen, bis sie in sich zusammenfallen und sich in noisiger gischt auflösen, klare klänge lassen licht und luft in die dichten kompositionen eindringen, nur um wenig später überaus kontrolliert und effektiv in heftiges feedbacks zu kippen. auch der bass ist mächtig und präsent und legt mit den drums eine solide basis, die auch in rhythmisch unruhigen wassern niemals auseinanderfällt. erst beim gewaltigen finale ‚marble grounds‚ zeigen sich erste auflösungserscheinungen: der song schraubt sich in seinen epischen siebeneinhalb minuten immer tiefer in den noise und das chaos – bis er auf der anderen seite herauskommt und sich in triumphaler ruhe und leichtigkeit im flirrenden sonnenlicht auflöst.

‚h/aven‘ erscheint heute auf czar of bullets.

 

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vykhod sily podcast – anna ruff guest mix

für den heutigen anlass vielleicht ein wenig düster, aber dennoch eines der besseren ambient-sets, die ich dieses jahr gehört habe. anna ruff schichtet hier weite flächen, field recordings, lose verwobene rhythmen und viel athmosphäre zu einer stunde langsamer und nachhaltiger introspektion. die räume sind weit und dunkel, melodien sind karg, scheinen jedoch umso wärmer, sobald sie sich sonnenstrahlen gleich durch die schwer drückende decke grollender bässe gekämpft haben. beats schleichen sich an und lösen sich in pixelwolken wieder auf, bedrohliches klopfen, pochen und knirschen scheint von unter den füssen zu kommen – erst ganz am ende gibts ein paar minuten zen-artigen schwebezustands.

überhaupt muss ich hier dem vykhod sily podcast endlich mal ein kränzchen winden: seit 2013 bietet die plattform aus jekaterinburg mixes und guestmixes mit einer unglaublichen konsistenz und qualität. das spektrum reicht von hartem drum’n’bass über darken techno und halfstep bis hin zu industrial, drones und ambient – eigentlich ein weites feld, und trotzdem verbindet die sets eine grundstimmung postapokalyptischer düsternis, durchsetzt von gelegentlichem neonflackern. gerade auf nächtlichen zugfahrten eine grossartige begleitung!