interview mit axiom

per e-mail, 24.02.2007

bp: Du legst ja schon eine ganze Weile Drum’n’Bass auf. Wann wurde für Dich klar, dass Du dich aktiv mit dieser Musik beschäftigen willst?

Axiom: Eigentlich produziere ich länger als ich auflege. Ich komme ursprünglich aus dem Ambient und experimentellen Bereich und habe da auch weitergemacht, als ich angefangen habe, D’n’B aufzulegen. Mit D’n’B-Produktionen habe ich erst viel später angefangen.
Die aktive Auseinandersetzung mit Musik war eigentlich nicht meine Entscheidung, sondern die meiner Eltern, die mich schon sehr früh in den Klavierunterricht geschickt haben.

– Produzierst Du auch heute noch Ambient und/oder Experimentelles? Und hattest Du auch schon die Möglichkeit, diese Musik zu veröffentlichen?

Ich komme heute nicht mehr dazu, einfach spasseshalber ein wenig Ambient zu machen. Mit Ambient habe ich keine Ziele verfolgt, es war reine Spielerei.

– In welcher Hinsicht profitierst Du als D’n’B von diesen früheren Erfahrungen mit Musikmachen – sei es nun das Klavierspielen oder das Experimentieren?

Sicherlich ist ein musikalisches Gehör von Vorteil, gewisse Grundkentnisse betreffend Harmonienlehre sicher auch. Das Experimentieren kommt mir heute oft zugute, wenns um das Synthetisieren neuer Sounds geht.

– Was war für Dich der Grund, mit dem Produzieren anzufangen?

Ursprünglich die Faszination der Klangsynthese. Beim D’n’B dann das enorme Klangbild und das Ausloten von Grenzen und Möglichkeiten.

– Für wen produzierst du Musik? Hast du jeweils eine Vorstellung vom Endkonsument?

Ich versuche meine Ideen und Gedanken umzusetzen und diese in einer floortauglichen Version wiederzugeben.
Ich würde nicht sagen, dass ich speziell für jemanden produziere – es freut mich umso mehr, wenns jemandem gefällt.

– Was sind deine Einflüsse? Was hörst du für Musik?

Ich höre was mir gerade gefällt. Viel Jazz und Downtempo-Sachen, sofern sie nicht zu kitschig sind. Es darf auch Pop oder 80ies oder sonst was Schlimmes sein. Ich seh das nicht so eng, hauptsache es trifft auf die momentane Stimmung zu.
Einflüsse sind Ambient, Industrial und sicherlich andere Drum’n’Bass-Produzenten.

– Was versuchst Du von diesen Einflüssen zu übernehmen? Und wie versuchst Du Dich andererseits davon abzusetzen?

Ich denke das ist kein aktiver Selektionsprozess, zumindest nehme ich ihn nicht als solchen wahr. Die Einflüsse steuern wohl eher unbewusst, was mir gefällt und was nicht.

– Beschreibe Deinen Sound in drei Worten.

Drum and Bass

– Wenn ich Deine Tracks höre, fallen mir vor allem zwei Dinge auf: Die athmosphärisch-düsteren Samples, vor allem in den Intros, und die aufwendig und abwechslungreich produzierten Bässe. Fokussierst Du auf solche Elemente, oder steckst Du in alles etwa gleich viel Arbeit? Und wie wichtig ist es Dir, eine eigene ‚Handschrift‘ (sprich Wiedererkennbarkeit) zu entwickeln?

Die Intros kommen wohl aus meiner Ambient-Zeit. Bässe, denke ich, müssen heutzutage eine gewisse Komplexität haben, zumindest damit sie mir gefallen. Andererseits müssen sie groovig bleiben. Der Balanceakt zwischen Komplexität und Groove ist für mich vorrangig. Ich fokusiere mich nicht bewusst auf Intro und Bässe. Letztendlich muss der ganze Tune als solches gut klingen.
Es passiert auch oft, dass gewisse Elemente im Tune stören und sich schlicht nicht anständig integrieren lassen wollen. Inzwischen trenne ich mich von diesen, wenn auch meistens sehr ungerne. Ich schraube einfach so lange rum, bis ich mit allem zufrieden bin.
Eine eigende Handschrift habe ich meines Erachtens noch nicht gefunden. Das wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

– Wie sieht Dein Setup aus? Software, Hardware – oder beides kombiniert?

Ich benutze beides. Software-seitig arbeite ich am liebsten mit Cubase SX3 und einigen VSTs und VSTIs, daneben stehen paar Hardwareteile rum, auf die ich nicht verzichten möchte.

– Inwiefern beeinflussen diese technischen Gegebenheiten Deine Kreativität? Wird sie eher kanalisiert, oder kannst Du sie durch die Technik erst richtig entfalten?

Ganz klar entfalten. Ohne die heutige Technik währen die zeitgemässen D’n’B-Produktionen völlig unmöglich. Anders gesagt, zeig mir ein Instrument, das Noisia-Bässe macht.

– Hast Du auch schon mit dem Gedanken gespielt, live zu spielen? Oder was wären die Voraussetzungen, damit Du den Gedanken überhaupt in Betracht ziehen würdest?

Live scheint sich im D’n’B nicht wirklich durchgesetzt zu haben. Aber was heisst live? Laptop auf die Bühne und alles vom Sequencer runterrattern lassen und zeitweise etwas an den Cutoffs drehen? Für mich würde live bedeuten, dass ich echte Musiker auf der Bühne habe. Irgendwie passt das aber nicht zu Neurofunk, weder vom Konzept noch von den klanglichen Möglichkeiten einer Band her.

– Wieviel Zeit steckst Du normalerweise in einen Track?

Das variert sehr stark. Ein Tune kann innert 3 Tagen fertig sein, wenn alles sehr gut läuft. Es kann durchaus auch 2 Wochen oder mehr in Anspruch nehmen.

– Dabei kommen sicher auch sehr frustrierende Momente vor. Lässt Du den Track dann einfach mal ruhen, oder arbeitest Du dann umso intensiver daran?

Ja die gibt es. Ich habe mir angewöhnt, nach einem bestimmten Mass an Frustration das betreffende Element aus dem Tune rauszunehmen und was anderes zu machen.

– Du hast schon drei Veröffentlichungen auf Redlight Rec. (UK), eine auf Hostile (USA) und eine Anstehende auf Syndrome (NL). Wie bist du gerade auf diese Labels geraten?

Angefangen hat alles mit Redlight. Ich habe Optiv zufällig an einem gemeinsamen Gig getroffen. Da habe ich paar meiner Sachen gespielt, worauf er mich ins Studio eingeladen hat. Daraus entstand die erste Collab „Nightfalls“.
Kurz darauf organisierten wir die 2te Collab mit Chris.SU „Soulcube“.
Nachdem ich die Solo 12″ für Redlight fertig hatte und die Tunes im Umlauf waren, erhielt ich von diversen Labels Angebote und habe meine Tunes auf die Passenden platziert.
Neben den erwähnten Labels wird die Shadybrain (DE) 002 von Optiv und mir, die 004 eine Solo 12″ von mir sein.

– Auf welchem dieser Labels fühlst Du Dich am wohlsten?

Ich fühle mich auf allen Labels wohl. Ich hatte es soweit mit sehr angenehmen Leuten zu tun und viel Unterstützung von den Label-Leuten bekommen.

– Du hast schon mit Optiv, Chris.SU und Psidream zusammengearbeitet, bald auch mit den Upbeats. Arbeitest Du lieber im Team als alleine?

Auch die Upbeats-Collab ist ist inzwischen abgeschlossen. Ich mache beides gerne.

– Was wäre Deine Traum-Kollaboration?

Calyx – Optiv – Axiom.

– Was sind die hauptsächlichen Unterschiede in der Arbeitsweise zwischen Collabs und Soloarbeiten?

Natürlich vergrössert sich bei einer Collab der Ideen-Pool. Wenn die Konstellation stimmt, schaukelt sich das Ganze enorm auf. Auf der anderen Seite bedeuted jede Collab, Kompromisse zu machen.

– Mir scheint, Du hast eine längere Weile nicht mehr an Parties aufgelegt. Hast du dich ein wenig zurückgezogen, um nun wieder mit voller Kraft durchzustarten, oder war das gar nie so geplant?

Eigentlich war das Auflegen nicht mehr geplant. Nachdem mir mehrere Leute gut zugeredet haben, habe ich mich entschlossen, wieder damit anzufangen.
Die jetzige Ausgangslage ist natürliche eine ganz andere. Es freut mich sehr, dass ich durch meine Musik zum Reisen komme und so Leute aus aller Welt kennenlerne.

– Bald steht deine kleine Europatournee an. Auf welche Station freust du dich am meisten? Was erwartest du von Budapest?

Von Tournee kann keine Rede sein. Es handelt sich um Einzelbookings. Ich freue mich auf alle kommenden Gigs.
Betreffend Budapest habe ich nur das Beste gehoert und freue mich sehr auf den Gig. Meiner Meinung nach sprechen die vielen erfolgreichen ungarischen Produzenten für eine gesunde Szene.

fotos von Das Auge

dieses interview war grundlage für diesen artikel, erschienen im resident magazin.

lost in nature VI

28.-30.07.2006

Zum sechsten Mal präsentierten Tsunami und WCC das ‚Lost in Nature’ Openair, das einzige Drum’n’Bass- und Jungle-Festival der Schweiz und mit Gästen wie Nicky Blackmarket, Klute, Doc Scott und Panacea grösser und internationaler als je zuvor.

Schon wenn man sich dem idyllischen, von drei Seiten mit Wald umgebenen Festivalgelände über den halsbrecherischen, jedoch gut beschilderten und ausgeleuchteten Zugang näherte, wurde klar, dass man sich hier auf etwas Spezielles einliess. Allerfreundlichste und trotzdem professionelle Begrüssung und Betreuung am Eingang, liebevolle Details wie eine Holzschaukel und schattenspendende Pavillons und die spürbare Leidenschaft aller Beteiligten, dem Publikum einen nachhaltigen Mehrwert zu vermitteln, machten das Festival zu einem Highlight in der nicht gerade kleinen Schweizer Openair-Landschaft.

videoprojektionen

Diese Leidenschaft und Liebe zum Detail übertrug sich auch auf die Stimmung des gesamten Anlasses. Überall freundliche und heitere Gesichter, sowohl beim Publikum als auch bei den Artists, die sich sichtlich wohl fühlten und zumeist überdurchschnittliche Sets und Konzerte ablieferten. Hier kam auch die grosszügig dimensionierte Anlage zum Zug und sorgte für Druck und glasklares Soundvergnügen.

Der Freitag startete mit zwei bzw. drei Newcomern, die von den drumandbass.ch Usern gewählt wurden: zuerst deadbybeats mit dem einzigen Dubstep-Set des ganzen Anlasses, und DnK, zwei jungen Baslern, die ihre Skills beeindruckend unter Beweis stellten. Weitere Highlights des Abends waren der Live-Auftritt von Morphologue, Secrets sehr abwechslungsreiches Set und Nicky Blackmarkets Auftritt, der wegen Ray Keiths Ausfall (der einzige gecancelte Act des ganzen Festivals!) gleich vier Stunden am Stück rockte – was vielen ein wenig zu lang war. The Dean Sonics schafften es nachher trotzdem, das Energielevel nochmals anzuheben und spielten einen sehr harten, basslastig-breakigen Mix, der perfekt zu Mias nicht weniger harten, rollenden Platten überleitete. Danach war für viele erst mal Schlafen angesagt, obwohl sich die Sets bis Sonntag Mittag nahtlos aneinander reihten.

mia

Der Samstagmorgen begann dann mit dem wunderbar entspannten, karibischen Auftritt des Reggae Riot Soundsystems, gefolgt von den leichten, dem sonnigen Wetter entsprechenden Sets von Chillinfinity, Forster, Yesmate und L4P, der von diesen vieren am meisten beeindruckte, einerseits wegen der Bandbreite seines Mixes, andererseits wegen der perfekt sitzenden, aber immer wieder überaschenden Trackauswahl. Anschliessend eine längere Phase, die ich hauptsächlich als sehr leise (die Polizei kam an diesem Tag mindestens dreimal lautstärkehalber vorbei) und musikalisch eher verwirrend wahrnahm, bis urplötzlich am frühen Abend von Bronkobitch und Klute wieder Energie und mixtechnische Brillanz versprüht wurde. Doc Scott hatte danach einen schweren Stand, schien trotz 2-Stunden Slot nicht wirklich in Fahrt zu kommen und wurde von Panacea abgelöst, der an diesem Festival schon bald Residentstatus geniesst und ein ungewohnt tanzbares, flüssig gemixtes Set kombiniert mit exzellenten Entertainerqualitäten zum Besten gab. Auch hier hätte ein bisschen mehr Lautstärke kaum geschadet, die Tanzwiese leerte sich langsam aber stetig. Jolie Roger und das LXC Soundsystem brachten zwar noch einige Beine zum Zucken, danach war für viele jedoch endgültig Sense, so dass die letzten Sets fast ungehört verpufften. Schade eigentlich. Aber keineswegs überraschend, wenn man bedenkt, dass bis Sonntag Mittag durchgehende 43 Stunden gemixt, gespielt und visualisiert wurde. So kann man sich abschliessend nur dazu gratulieren, bei diesem Ereignis dabeigewesen zu sein und hoffen, dass die Veranstalter die Gratwanderung zwischen familiärer Atmosphäre und höchsten organisatorischen Ansprüchen auch weiterhin mit Bravour bewältigen.

panacea

fotos von andi keller, tsunami crew

erschienen im resident magazin, ausgabe 5, 2006