benga – diary of an afro warrior

tempa 2008

dies ist eines der ganz grossen und mächtigen elektronischen werke dieses jahres und das beste bis jetzt im ganzen, unterdessen unüberschaubaren bereich des dupstep überhaupt. und dies nicht nur, weil es eines der ersten alben eines der bekannten produzenten dieses genres ist, das diese bezeichnung überhaupt verdient. oder etwa weil es unglaublich professionell, clean und mit einer atemberaubenden tiefe produziert ist. auch dass es mindestens vier oder fünf sichere hits vereinigt, die jeden trendsettergefüllten dancefloor zum beben bringen, hebt diesen 14-tracker noch nicht auf das erwähnte podest.

vielmehr als in allen diesen gründen liegt das geheimnis darin, trotz einer unglaublichen diversität der einzelnen teile und breite der verarbeiteten musikalischen einflüsse das gefühl eines zusammengehörigen und abgerundeten kunstwerks mit einer funktionierenden dramaturgie und einem sinn für das erzählerische zu vermitteln. nichts ist zufällig: von der covergestaltung über die anordnung der tracks (von denen viele schon songcharakter besitzen) bis hin zu einer dunklen und geheimnisvollen, jedoch selten bedrohlichen grundstimmung unterstützen sich alle elemente gegenseitig, ohne sich in den vordergrund zu drängen und so von den anderen abzulenken.

die scheinbare mühelosigkeit und sicherheit, mit der dem londoner dies gelingt, aber auch der immense fortschritt vom letzten, selbstvertriebenen album erstaunt und begeistert. gerade mal ein jahr liegt nämlich zwischen dem auch schon guten, jedoch eher skizzenhaften debut und diesem ausgereiften werk dieses mannes, der uns mit seiner musik hoffentlich noch viel zu sagen hat.

01. zero m2
02. night
03. b4 the dual
04. e trips
05. someone 20
06. light bulb
07. crunked up
08. go tell them
09. the cut
10. emotions
11. 3 minutes
12. pleasure
13. 26 basslines
14. loose synths

tempa

 

utabi – manchurian candy

adaadat 2004

die japanische idm/breakcore/wasauchimmer-szene scheint dieses jahr so richtig aufzublühen. com.a hatte einen fast schon genialen release, ove-naxx setzte dieses frühjahr noch einen drauf, und jetzt kommt utabi hirokawa und toppt seine beiden freunde locker nochmals. seine hyperaktiven comictracks sind so charmant und funky, dass man den player fast schon automatisch auf repeat stellt und gar nicht mehr aus dieser bunten, fröhlichen welt auftauchen will. dies hat bestimmt auch damit zu tun, dass dieser junge herr bisher nur auf einem steinzeitcomputer (sharp X68000!!)  musik gemacht hat und sich so fast automatisch in die lücke zwischen mikromusic, bogdan raczinsky und planet mu einfügte. vieles von den wilden 8-bit-spielereien und game-console-piepsern ist nämlich auch hier zu finden, auch wenn unterdessen auf einem pc komponiert wird und das universum um instrumentalen cut-up hiphop, vocalsamples und auch ‚reale‘ instrumente bereichert wurde. diese mischung wird vor allem im letzten song ‚cassia augustifolia‘ (der allein schon den preis der platte wert ist) bis zum äussersten ausgereizt: ein fast schon organischer, minimaler groove, immer wieder gereizt und gestört durch digitales flackern, windet sich um die anfangs nur angerissenen, kurzen melodiefetzen von stimme, melodion, posaune und gitarre, bis das ganze zusammenfindet und in einem fast schon klassischen, getragenen ambiente ausklingt. so macht elektronische musik spass!

01. wind05
02. crackbank cheese
03. kmoizcarkt shoimse back
04. three tennies
05. lighpotllution
06. doll-shape-automaton
07. turntable utabied
08. yorange peel
09. manchurian candy
10. wave ladder
11. set her eyes xochipilli
12. mogood
13. fly it away
14. bwangwui
15. cassia augustifolia

adaadat

 

max tundra – mastered by guy at the exchange

domino 2002

max tundra (ben jacobs) ist wohl eines der skurrilsten genies der neueren musikgeschichte und beweist das auch mit dieser zwar kurzen, aber sehr knuddeligen platte. alle live-instrumente wurden natürlich wieder selbst eingespielt (und das sind nicht wenige!), und zum ersten mal hören wir den max auch singen!

anfangen tuts schon mal sehr ungewohnt und direkt mit ungelenk-hektischen drums und gesang, knapp gehalten und ein idealer einstieg und auftakt zu den ersten grossen höhepunkten dieses albums: ‚mbgate‘ entwickelt sich von einem leicht zerfahrenen und unkoordinierten postrock-entwurf mit polternden drums und schrammeliger gitarre unversehens zu einem dick rockenden, hüpfenden tanzliedchen mit housigem einschlag und einem geilen clubbeat. und ‚lysine‘, die erste single, wartet mit einer einfachen, packenden melodie, einem raffiniertem songaufbau (inkl. freakout am ende) und der sanften, sich sehr gut einfügenden stimme von max‘ schwester auf. scheinbar bleibt dieser gastauftritt in zukunft keine ausnahme, denn man hört sie hier noch in zwei anderen songs, und es funktioniert erstaunlich gut!

auch von den nachfolgenden tracks kann man eigentlich jeden wärmstens empfehlen, wobei mir ‚lights‘ und ‚hilted‘ besonders ans herz gewachsen sind. das ist übrigens auch das besondere an diesem album: es wird zum begleiter, zu einem guten freund – und hast dus schon fast wieder vergessen, dann blinzelts dir bestimmt unverhofft zu und lädt dich ein in seine kindlich bunte welt voller töne, instrumente und ideen.

01. merman
02. mbgate
03. lysine
04. fuerte
05. pocket
06. cabasa
07. 61over
08. lights
09. hilted
10. acorns
11. gondry
12. labial

max tundra
domino records

 

like a tim & gina v. d’orio – bass girl

dub recordings / like records 2004

ich trau meinen ohren nicht: gina v. d’orio (sängerin bei cobra killer und ec8or) singt amerikanische girlsongs aus den sechzigern! was musste tim van leyden (alias like a tim) wohl tun, um das zu erreichen? nun ja, was immer es auch war: es hat sich gelohnt!

aber nicht nur d’orio lässt sich auf ein wagnis ein, auch der musiker hat sich von seinem skurrilen midi-storperfunk freigenommen und übt sich nun in der reduktion. nur mit einer tb-303 und wenigen, spärlich eingesetzten synths und effekten unterlegt der rotterdamer die eindringliche stimme, die man in dieser sanftheit und süsse der berlinerin nie zugetraut hätte. sie drängt sich niemals auf, ist aber immer da: verführerisch, beschwörend, traurig. die lieder selbst haben schon fast alle einmal gehört; sie sind einfach und in popsonglänge gehalten und handeln von der liebe, sei sie nun unglücklich, vorbei oder voll am erblühen. und sie rühren zu herzen, bleiben hängen und sind wunderschön, und man will das album gleich nochmals hören, weil es einfach zu kurz ist.

01. i only have eyes for you
02. where did our love go
03. the end of the world
04. leader of the pack
05. angel baby
06. dance with me
07. lonely sea
08. running scared
09. come softly to me (cd bonus track)

likeatim
clone

 

fischerspooner – #1

international deejay gigolo 2002

hype hin oder her: die new yorker warren fischer und casey spooner machen wundervolle popmusik, leicht dekadent und mit melodien zum mitsingen. und natürlich mit starkem 80er-jahre-einschlag, wies heute im allgemeinen und bei gigolo im besonderen schon fast zum guten ton gehört.

glücklicherweise lassen sies jedoch nicht dabei bewenden, ein paar metallische synth-bässe und androgyne stimmchen aufzuwärmen und dem nach elektropop förmlich gierenden publikum vorzuwerfen. nein, es wird weiterentwickelt, ausprobiert und experimentiert, und die freude an guten, zeitlosen melodien ist immer spürbar. die sounds sind, trotz ihrer klanglichen referenzen an eine vergangene ära, immer auf der höhe der zeit und von einer unglaublichen qualität und tiefe, was man auch vom songwriting behaupten kann. niemals gleitet man ab in die beliebigkeit so vieler elektropop-klone, jeder song klingt frisch und vereinigt mehr ideen als andere in einem ganzen album.

parallel dazu sind ihre liveshows absolute performance-knaller, bei denen die musik zur reinen nebensache degradiert wird und die in der new yorker art-posse schon kultstatus besitzen. eine armee von tänzer/innen, sänger/innen und gastmusikern wird aufgeboten und bietet ein spektakel aus schminke, blut und schweiss sowie exquisiten sci-fi kostümen, das wohl jede kinnlade einige zentimeter tiefer hängen lassen wird.

01. sweetness
02. the 15th
03. emerge
04. l.a. song
05. tone poem
06. horizon
07. invisible
08. turn on
09. *#!@$?
10. natural disaster
11. ersatz

12. exclusive video footage

www.fischerspooner.com

 

aphex twin – drukqs

warp records 2001

zuerst herrscht gleich mal grosse freude: des meisters neuster und langersehnter streich ist gleich ein doppelalbum geworden – 30 tracks, je 15 davon auf einer cd. und wieder gibts wunderschöne kindermelodien, lustige töne, wirbelnde beats und tonnen von ideen. wieder werden die trommelfelle strapaziert, die nerven angesägt und die nachbarn geärgert. und wieder einmal wird klar, dass sich richard d. james einen feuchten dreck um erwartungen und hörgewohnheiten schert.

die stücke auf diesem album lassen sich grob in drei kategorien einteilen: zuerst sind da einfache, mehr oder weniger melodiöse und ziemlich fragmentarische pianoklimpereien. einige davon sind wunderschön, andere leider eher banal.

zum zweiten gibts die breakbeat-tracks, die für viele wohl den hauptgrund für den kauf dieses albums darstellen. hier wird das stupende programmierkönnen und der anarchistische humor des herrn james unüberhörbar. wilde ideen und zuckersüsse melodien jagen sich im kreis und beissen sich manchmal auch in den schwanz.

zur dritten und letzten kategorie gehören atmosphärische, oft sehr reduzierte und verhallte geräusch- und tonspielereien, meist analog aufgenommen.

die durchmischung und anordnung dieser stücke hebt die vorteile und besonderheiten jedes einzelnen hervor. das nebeneinander von wahnsinn und schönheit verleiht dieser platte ihre wahre grösse, und man bekommt das gefühl, dass der meister aus england sein equipment nun wahrhaftig ausgereizt hat. der hochtechnisierte, fast schon glatte sound der letzten produktionen wurde leicht aufgerauht, was dem werk eine überraschende erdigkeit und energie verleiht und zwischendurch klänge zeitigt, die auch einem alec empire gut zu gesicht stehen würden.

bleibt nur noch anzumerken, dass das artwork ungewohnt langweilig und blöd daherkommt und die cd auf dem computer nicht abspielbar ist.

cd01
01. jynweythek
02. vordhosbn
03. kladfvgbung micshk
04. omgyjya-switch
05. strotha tynhe
06. gwety mernans
07. bbydhyonchord
08. cock/ver10
09. avril 14th
10. mt. saint-michel + saint michaels mount
11. gwarek
12. orban eq trx4
13. aussois
14. hy a scullyas lyf adhagrow
15. kesson dalek

cd02
16. 54 cymrv beats
17. btoum-roumada
18. lornaderek
19. qkthr
20. mettphace 6
21. bit 4
22. prep gwarlek 36
23. father
24. taking control
25. petiatil cx htdui
26. ruglen holon
27. afx 237 v7
28. ziggomatic 17
29. beskhu3epnm
30. nanou 2

drukqs website
warprecords

 

cursor miner – explosive piece of mind

lo recordings 2002

mit diesem feinen album ist dem ohnehin schon tollen lo label ein fast schon genialer wurf gelungen. cursor miner (der junge mr. robert tubb) – einigen vielleicht schon bekannt von der noodles-compilation oder liveauftritten bei seed oder wang – präsentiert uns ein debutalbum erster güte und eingängigkeit, das man so schnell nicht wieder vergisst. ein absolut eigenständiger und unverwechselbarer sound bestimmt das werk: sehr technisch und knarzig, leicht metallisch und anfangs ein wenig kühl anmutend, aber immer zugänglich und, ja, poppig! das ganze hört sich an wie ein  bastard aus 80er synthpop, monty python, psychedelia und rockendem elektro – sehr schön nachzuhören schon im zweiten song, der mit krachigen drums solide nach vorne drückt und mit seinem dadaistischem text schwere verwirrung stiftet.

01. scrapma
02. never been seen
03. bodily functions
04. like dna
05. dragon drop
06. remote control
07. alpha waves
08. u want to want
09. bezerk one
10. salt solution
11. battery powered joy
12. propaganda
13. brown study

cursor miner
lo recordings

 

various artists – 7b labelcompilation

7b records 2003

die dritte veröffentlichung von 7b bietet eine schöne übersicht über die mit dem label verbundenen acts. jeder von ihnen mit einem neuen track, und jeder gibt sich hörbar mühe, etwas spezielles und eigenständiges zu dieser zusammenstellung beizutragen.

den anfang macht plastique de revê, den man ja auch schon von gigolo-platten kennt. gutgelaunt hüpfen seine ultratrockenen beats aus den boxen, den sich windenden bass immer unter absoluter kontrolle. dazu die hochgepitchten raps, und fertig ist der hochenergie-tanzflurfeger.

aster o.h. ist ein junger und relativ neuer act aus dem jura (glaub ich), der hier einen geilen lo-fi rocker abliefert. anfänglich billig wirkende konsolenspiel-sounds entwickeln sich zu einer sägenden bassline und das witzigste sprachsample dieses jahres (‚i’m so sick that i can’t read the paper, but i can say hello to my dog‘) wird sich in einer frauen- und männerstimme selbst gegenübergestellt, so dass sich trotz des gemässigten tempos eine fröhliche, mitreissende cut-up-hektik einstellt und über alle backen grinsende gesichter den floor bevölkern.

staubsauger nimmt das tempo ein wenig zurück, kombiniert filigrane beats und zirpgeräusche mit einem gurgelnden bass und setzt dazwischen glockengleiche melodien, die den doch ziemlich reduzierten track leuchten lassen wie ein sonnenstrahl den bedeckten herbsthimmel.

den abschluss macht monoblock b mit ‚eldorado skin‘, einem brachialen, verzerrten elektropunk-truck, der so ziemlich alles plattmacht, was ihm in die quere kommt. am besten gefallen mir hier die drums, die ohne rücksicht auf verluste durch die synthwände preschen und mit brutalen breaks (die eigentlichen highlight dieses stücks) versetzt sind.
eine fast schon perfekte compilation, die die grosse akkustische spannweite des labels sehr schön aufzeigt und den künstlern eine plattform bietet, ihr können und ihren stil eindrucksvoll darzubieten.

01. plastique de revê – do it
02. aster o.h. – canin royal
03. staubsauger – yellow frog
04. monoblock b – eldorado skin

7b
monoblock b

 

horsepower productions – to the rescue

tempa. recordings 2004

das zweite album der beiden südlondoner benny ill und lev. jr. ist auch das zweite auf ihrem label tempa (das mixalbum mal nicht mitgezählt) und eine bestätigung für ihre vorreiterrolle in der grossen aber jungen breakbeat/dubstep/grime-szene. war das erste noch eine lieblose zusammenstellung ihrer wegweisenden singles mit üblen edits wie vorzeitiges ausblenden und ähnlichen verbrechen, ist nun ‚to the rescue‘ eine runde und ausgereifte angelegenheit geworden. in ihrem zurückhaltenden, sehr stimmungsvollen und basslastigen style rollen sie zehn warme, edel schimmernde soundteppiche vor uns aus, die nachlässig swingenden und trotzdem hochgradig präzisen beats sorgfältig verwoben mit orientalischen und jamaikanischen vibes. sich niemals in den vordergrund drängend, aber immer spannend und innovativ, stehen horsepower productions in der tradition grosser photek-tracks wie ’ni ten ichi ryu‘ oder ‚hidden camera‘, die mit ihrem ausgefeilten drum-programming, trockenstem hi-tek-funk und sparsamster ausstattung immer wieder neue massstäbe setzten – der zusätzliche, witzig-pointierte einsatz skurriler eastern- und western-samples errinnert hingegen stark an j. saul kanes grossartig schmutzige veröffentlichungen als depth charge.

zusätzlich wurde jeder track mit liebevollen und ausführlichen linernotes bedacht und das ganze noch wundervoll minimal designt – ein fest für ohren und augen.

01. golden nugget
02. synbad
03. voodoo spell
04. marseilles connection
05. special 131
06. galaxian
07. hand of death
08. classic deluxe – part two
09. sholay (epic mix)
10. on tha run by tgs (hp remix)

tempa

 

amon tobin – out from out where

ninja tune 2002

dieser typ ist einfach unglaublich: mit jedem album wird er besser, werden seine beats komplexer, seine covers spektakulärer und seine tracks ausgeklügelter – und trotzdem behält er immer seinen unverwechselbaren style, der hypernervosität und schwebende gelassenheit so unnachahmlich in sich vereint und in knusprigster tonqualität darbietet. die programmierung der rhytmen und sounds ist schlicht atemberaubend und die fülle und kleinteiligkeit seiner hochaufgelösten breakbeat- und perkussionsorgien schwindelerregend. man fragt sich unwillkürlich, wieviel zeit der gute herr wohl in einen einzelnen track investiert…

es ist bemerkenswert, wie sich der gebürtige brasilianer im laufe seiner veröffentlichungen einen ganz eigenen soundkosmos geschaffen hat. einflüsse aus jazz, drum’n’bass, klassik, latin und seinem ganzen ninja tune-umfeld sind zwar jederzeit identifizierbar und sicher auch beabsichtigt, trotzdem entstehen daraus ungewohnt filigrane und doch wuchtige klangmonster, wie man sie zuvor noch nie gehört hat. in ihrer zeitlosigkeit und funkelnden schönheit lassen sie schubladendenken gar nicht erst aufkommen, und nur schon das ist ein grosser verdienst.

01. back from space
02. verbal feat. mc decimal r.
03. chronic tronic
04. searchers
05. hey blondie
06. rosies
07. cosmo retro intro outro
08. triple science
09. el wraith
10. proper hoodidge
11. mighty micro people

amon tobin
ninja tune