vladislav delay – anima

mille plateaux

eine platte – ein track. gute sechzig minuten lang präsentiert uns der finne hier, was möglich wird, wenn man musik für einmal nicht in einzelne songs und liedstrukturen pressen will. dabei verschmilzt er seine enormen kenntnisse und erfahrungen als producer mit einem ausgeprägten gefühl für stimmungen, klänge und die bilder, die sie auslösen, und schafft so ein meisterwerk des sounddesigns. so klingt ‚anima‘ wie ein langsam wachsender, atmender organismus zwischen musikinstrument, pflanze und mensch; die töne und sounds verwandeln sich, oszillieren zwischen klang und geräusch hin und her und machen den eindruck, dass sie schon immer hier waren und auch genau hier hingehören.

alles in allem würde man dieses album wohl unter ambient oder dub einordnen. man merkt jedoch schnell, dass hier die grenzen viel, viel weiter gesetzt und auch einiges konsequenter ausgelotet wurden als zuvor in diesen genres, so dass man hier tatsächlich von einem meilenstein sprechen kann.

schlussendlich ist auch das cover eine wahre augenfreude und korrespondiert sehr gut mit der warmen musik, die sich darunter verbirgt.

mille plateaux

 

yello – baby

phonogram 1991

yeah, baby, ein klassiker! von aussen ganz bestimmt eine der hässlichsten platten, die jemals dem tageslicht ausgesetzt wurden, akustisch jedoch etwas vom feinsten, das je aus schweizer landen zu hören war. dieter meier und boris blank (die beiden schnauzträger mit den lustigen anzügen, die so freudlos vom cover gucken) lieferten mit ihrem siebten album ein gnadenlos perfekt produziertes elektronisches meisterwerk ab. es hatte zwar nie den gleichen erfolg wie ihr vorheriges hitmonster ‚flag‘, klingt jedoch um vieles interessanter und abwechslungsreicher.

der bekannte und unverwechselbare yello-sound mit stakkato-samples, leicht monotonen beats und dieter meiers sonorer stimme wird variiert und angereichert mit lateinamerikanischer perkussion, rock-gitarren und einflüssen aus der filmmusik. grandioser bombast schleicht sich ab und zu ein, wird aber immer wieder mit feinem humor und filigranen, genau durchdachten arrangements durchbrochen. überhaupt ist die choreografie dieses albums bemerkenswert und fast unerreicht – song für song und ganz gelassen wird atmosphäre aufgebaut, und bald ist man eingehüllt in die warme, fast schwebende melancholie sonniger herbsttage. wie schon gesagt: ein klassiker!

01. homage to the mountain
02. rubberbandman
03. jungle bill
04. ocean club
05. who’s gone?
06. capri calling
07. drive/driven
08. on the run
09. blender
10. sweet thunder

yello

 

monoblock b – control

7b records 2004

yeah, das zweite album von monoblock b… etwas mini, aber oho! 2 ältere und 5 neue tracks voll mit bratzigen basslines, slammenden beats und rockender energie, dick und massig und bösartig wie ein gereiztes rhinozeros.
wie eben dieses muss es allerdings zuerst in die gänge kommen, und so schiebt sich ‚hit 1‘ schwerfällig über die startlinie, mutet anfangs ziemlich unauffällig an und zieht den hörer trotzdem immer mehr in seinen bann. ‚trigger happiness‘ zieht das tempo noch ein bisschen an, lässt den rauhen beats mehr raum und vermag in seiner unaufgeregtheit und zielstrebigkeit sehr zu gefallen – kommt allerdings niemals an die verspielte schwere und kontrollierte wucht des dritten stücks ran. hier ist der titel programm, und monoblock gibt uns mehr: mehr bass, mehr beats, mehr effekte. man wird überrollt von tieffrequentigem, eruptivem knarren, knarzen und wummern und das dumpfe stolpern der drums treibt das ungetüm unerbittlich nach vorne: eine dampfwalze von einem track!

von hier an kann auch nichts mehr schiefgehen, die platte entwickelt sich mehr und mehr zu dem schon eingangs erwähnten, schwitzenden ungetüm aus knochen, fleisch und horn und überzeugt nur schon dadurch. dass es dann noch so unverschämt und direkt in die beine und den nacken fährt, wird bestimmt auch niemanden traurig machen.

01. hit 1
02. trigger happiness
03. we want more
04. control
05. frankfurt
06. digital man
07. xxx crack

7b
monoblock b

 

monoblock b – alarm

spezialmaterial records 2002

wer monoblock b schon mal live erlebt hat, der weiss, dass er rockt. und das richtig, so dass sich der dancefloor meist schon nach fünf minuten in einen schweissdurchdränkten hexenkessel verwandelt. zuckende beine, bangende köpfe und grinsende gesichter sind anzeichen dafür, dass dieser vergnügte springteufel hinter dem keyboard wieder mal das versammelte publikum in der tasche hat und auch ganz gut damit umgehen kann. seine slammenden elektrobeats und triefendfetten synthbässe bleiben immer unkompliziert, wie sichs gehört, aber hart und extrem druckvoll, und auch die anfangs immer ein wenig unbeholfen wirkenden melodien unterstützen die energetische performance überraschend gut.

hört man sich nun ‚alarm‘, sein erstes album, an, so stellt man erfreut fest, dass diese qualitäten ziemlich unverändert auf den tonträger übernommen wurden. was allerdings live hervorragend funktioniert, kann ab compact disk auch nerven töten, und das wird auch dieser platte zeitweise zum verhängnis: nicht immer genügt purer druck und energie, um einen track interessant zu halten, und oft sind die variationen in tempi und klangfarben klein, so dass zeitweise monotonie aufkommt. aber trotzdem: monoblock_b rockt auch da, und so macht man die anlage so laut wie irgend möglich und kopf und beine mitwippen.

01. panning md
02. gruenpop
03. aktron
04. hit 1
05. hit 2
06. esp 16 link
07. die ankunft
08. wave one
09. frankfurt
10. eslink 4 (bubble song) b34
11. who are you?
12. organic
13. big city girl*
14. the king must die

* fizzerpop feat. monoblock b, by bronski beat

mikro-werk

spezialmaterial

7b

 

john player – in dub

 –

ist das nun ein mix-album, selbstproduziert, oder was dazwischen? mein lieblings-dj aus zürich hat mit diesem ersten werk ein ganz eigenes, elegantes dubmonster erschaffen. absolut nicht vergleichbar mit seinen dj-sets, die den groovenden electrotrash aufs podium heben, wird hier während einer guten stunde eine sanfte, warme hall- und echolandschaft ausgebreitet. tiefe und angenehm modulierte 4/4-bässe dienen als unerschütterliches fundament, unaufdringliche hihats als raster, auf dem die sparsam eingesetzten snares und obertöne ihre volle wirkung entfalten können. auch die eingestreuten schnipsel menschlicher stimmen wirken nie zufällig oder effekthascherisch, sondern erhalten die spannung und vermitteln den eindruck, immer tiefer in ein ständig sich wandelndes universum vorzudringen. das rauchen einer dicken tüte ist beim genuss dieses werks absolut empfehlenswert und erhöht den genuss dieser entspannenden reise.

01. –
02. in dub

 

enik – without a bark

wonder records 2004

enik kennt man vielleicht schon als die neue stimme vom funkstörung-album, wo er einen grossteil der gesangsparts übernahm und mit seiner sehr eigenen stimme deren anhängerschaft zutiefst spaltete. nun liegt sein erstes mini-album vor, und auch hier sind geschmäcklerische grabenkriege schon abzusehen.

enik’s organ ist absolut einzigartig, sein gesang lebt von übertreibungen – sowohl emotional als auch tonal – und einem hohen, aber dennoch rauhen timbre. er windet und schlängelt sich um die musik wie der efeu um einen windschiefen baum, stützend und getragen zugleich – eine perfekte, aber labile symbiose, immer auf der schmalen kante zwischen lächerlichkeit und wahnsinn. schnell schiessen vergleiche mit super collider oder tom waits durch den kopf und sind auch nicht von der hand zu weisen, trotzdem werden sie dieser platte nicht gerecht. dafür ist die musik zu eigenwillig, zu eigenständig. die songs verweigern sich erfolgreich dem strophe/refrain-schema, sie mäandern vielmehr durch verschiedenste stimmungslagen und energielevels, drehen unvermittelt auf und reissen sich plötzlich wieder zusammen. das ist oft so überraschend wie es passend ist und wirkt doch nie aufgesetzt – ich mache jede wette, frank zappa hätte freude an diesem jungen! dazu kommt eine soundvielfalt, die ihresgleichen sucht: akkustische instrumente wie cellos, pianos und bongos werden gern und oft eingesetzt, aber auch hypereditierte funckarma-breaks, digitale restgeräusche und field-recordings findet man an jeder ecke. das ist auch einer der gründe, dass man sich dieses werk immer und immer wieder anhören kann und dabei dauern neue kleine, glitzernde juwelen entdeckt.

ich muss gestehen, ich war selten so gespannt, wie sich ein künstler von seiner ersten platte an wohl weiterentwickeln wird. ich lasse mich gern überraschen!

01. micro ocean
02. how to destroy
03. chaos the drug
04. tired heads
05. taxi
06. diamond city

enik
wonder records

 

alec empire – generation star wars

geist records 2000

ehre wem ehre gebührt. auch wenn das neueste album des atr-gründers und engagierten grossmauls selbst mit bestem willen höchstens noch als ambitionierter schrott durchgeht: er hat schon grosses geleistet. wie zum beispiel diese platte.
seine spezielle auffassung von elektronischer musik kleidet alec empire hier in 14 höchst abwechslungsreiche und interessante tracks, die so ziemlich alles in sich vereinen, was man von ihm so erwartet hätte – und noch einiges mehr. ok, die ultraharten high-speed-breakbeatattacken lässt er grösstenteils links liegen und verzerrt dafür lieber tonnenschwere, unglaublich basslastige hiphop-beats, lässt den 808 hüpfen oder veranstaltet minimalistische tonkakophonien. doch auch diese tragen die gewalttätige und düstere no-future-handschrift unseres lieblingspunks.

und zwischendurch gelingen ihm fast schon geniale verschmelzungen von ambient, electro und seinem ureigenen hardcore-style, wie zum beispiel das grandios dahinstolpernde eröffnungsstück oder das fast schon versöhnlich anmutende, hypnotisierende ’sonyprostitutes‘.

gemeinerweise ist der letzte titel der tracklist auf dem tonträger nirgends  aufzufinden… aber nur schon wegen dessen namen konnte ich mich nicht zurückhalten, ihn auch aufzuführen.

01. lash the 90ties
02. stahl & blausäure
03. 13465
04. maschinenvolk
05. sonyprostitutes
06. blutrote nacht über berlin
07. pussy heroin
08. new acid
09. smack
10. n.y.-summer 1
11. konsumfreiheit
12. n.y.-summer 2
13. microchipkinder
14. sieg über die mayday-hj

geist records

 

alec empire – hypermodern jazz 2000.5

 geist records 2000

der alec war ja für mich lange zeit der king of beats, und dieses album zeigt ihn während seiner absoluten hochphase. im gleichen jahr wie das grossartige ‚generation star wars‘ auf geist erschienen, werden hier die eher sphärischen und zerfahrenen seiten des berliners hörbar, der sich mit dieser platte tief in den jazz verbissen hat. dieser wird hier als ein längst klischiertes genre aufgegriffen, dekonstruiert und verzerrt, um danach frisch und absolut eigenständig in die freiheit entlassen zu werden. ideen gibts zuhauf, beats natürlich auch, strange sprachsamples – und improvisation scheint hier eine deutlich wichtigere rolle gespielt zu haben als auf allen seinen anderen werken. dadurch, aber auch durch die minimale ‚instrumentierung‘ der stücke, bekommt man beim ersten durchhören schnell den eindruck einer gegenstands- oder schwerelosigkeit – ein zustand, der jedoch nicht lange anhält, merkt man doch schnell, dass gerade durch die improvisierten variationen eines einfachen themas eine ungewöhnliche tiefe und intensität erreicht werden kann.

obwohl man sich einige der tracks sehr wohl auch auf ‚generation star wars‘ vorstellen könnte, bringt dieses werk eine ganz andere und eigene, fast schon lähmende stimmung rüber. die rhythmen wirken trotz ihrer komplexität und variantenreichtums schwer hypnotisierend und die präzis eingesetzten, aber wunderbar nachlässig anmutenden orgelriffs sind die akkustischen gegenstücke einer gut besuchten opiumhöhle. so wird das hören dieses albums vor allem für den ‚klassischen‘ dhr-fan zu einem erlebnis ganz anderer art.

01. walk the apocalypse
02. god told me how to kiss
03. get some
04. i’m gonna die if i fall asleep again
05. the unknown stepdancer
06. chilling trough the lives
07. many bars and no money
08. my funk is useless
09. slowly falling in love
10. dreaming is a form of astrotravel

geist records

 

boxcutter – oneiric

planet mu 2006

endlich ist es da, das langerwartete album des neuen ausnahmetalents auf planet mu, barry lynn. und eins gleich vorneweg: dieses werk ist das frischeste und fesselndste, was in diesem – doch schon zur hälfte verstrichenen – jahr in meinem player gelandet ist. es vereint die ästhetik des dubsteps mit den grundlagen des jungle, virtuoser musikalischer improvisation und handwerklich herausragender produktion.

die ersten drei tracks sind grossartiges material für den dancefloor. der titeltrack spielt mit östlichen impressionen, «grub» umgarnt mit verhallten bleeps und komplexen rhythmen und «skuff’d» geht nochmals zurück zum uk-garage der 2-step ära, einfach um zu zeigen, wie mans besser hätte machen können. ausserdem eine subtile und liebevolle verbeugung vor dem labelchef mike paradinas – wer dessen letztes album kennt, weiss warum. in allen diesen tracks bemerkt man die liebe und rücksicht fürs detail sofort, zudem fällt schnell der mehr als ausreichend angesteuerte bass und eine tiefe kenntnis detailreicher breakbeat-manipulationen positiv auf. fast unglaublich zu hören, wie boxcutter den sogenannten «silver blade»-break einsetzt (ein drumloop, benannt nach einem kulttrack von dillinja und markenzeichen von boymerangs älteren drum’n’bass-produktionen). in «brood» schneidet, stoppt, kehrt und verzerrt lynn den break und benutzt ihn buchstäblich als instrument und rhythmus gleichzeitig.

ein grosses plus an «oneiric» ist die musikalische tiefe und auch ausbildung des produzenten, die das hörerlebnis von etwas, das ja eigentlich «nur» dance-musik ist, zu einer nachhaltigen erfahrung reifen lassen. nur zum beispiel «gave dub»: es ist nicht nur watteweicher kifferdub, sondern auch eine ganze lastwagenladung deeper soul, die einem schauer über den rücken laufen lässt. von «sunshine v.i.p.» und «bad you do» fangen wir noch gar nicht mal an…

wie gesagt, bis jetzt mein album des jahres, und ich wäre (wenn auch positiv) überrascht, wenn das in naher zukunft getoppt würde – besonders von einem newcomer.

01. tauhid
02. grub
03. skuff’d
04. gave dub
05. brood
06. mossy
07. rikta
08. sunshine v.i.p.
09. bad you do
10. silver birch solstice
11. hyloz
12. chlorophyll

boxcutter
planet mu

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

chris de luca and peabird – deadly wiz da disko

k7 2002

‚contains 12 tracks 100 percent pure disko shit‘ prahlen sie schon auf dem cover – und recht haben sie, irgendwie. denn was da aus den boxen knattert, stottert und stolpert ist reinster, hundertprozentig tanzbarer kopfnickerfunk der marke de luca, garniert mit sauberem flow und gewagten worten von peabird.

hier lässt chris de luca seiner vorliebe für schwere hiphop-beats freien lauf, cuttet und frickelt in schönster funkstörung-manier und findet immer wieder ein plätzchen, wo man noch einen break mehr unterbringen kann. so schafft er eine ideale spielwiese aus beats, angedeuteten melodien und effekten für peabirds variantenreiche und sehr stimmig vorgetragene reime, die dann ab und an auch gleich wieder als rohmaterial für de lucas rhythmische experimente herhalten müssen.
schlussendlich ist so ein sehr verspieltes und liebenswertes stück musik entstanden, dem man die begeisterung und leidenschaft der beiden macher für ihre sache gut anhört und das auch selber lange und ausgiebig freude spendet.

01. sooperglitcher
02. deadly wiz da disko
03. artificial mc
04. i gonna give it to you
05. keep this in mind
06. wrong number
07. game
08. interlude
09. horns of jericho
10. bumble beez
11. cashflow
12. what the f*** i got to say

www.sellwell.de
www.funkstorung.com
www.k7.com