boxcutter – oneiric

planet mu 2006

endlich ist es da, das langerwartete album des neuen ausnahmetalents auf planet mu, barry lynn. und eins gleich vorneweg: dieses werk ist das frischeste und fesselndste, was in diesem – doch schon zur hälfte verstrichenen – jahr in meinem player gelandet ist. es vereint die ästhetik des dubsteps mit den grundlagen des jungle, virtuoser musikalischer improvisation und handwerklich herausragender produktion.

die ersten drei tracks sind grossartiges material für den dancefloor. der titeltrack spielt mit östlichen impressionen, «grub» umgarnt mit verhallten bleeps und komplexen rhythmen und «skuff’d» geht nochmals zurück zum uk-garage der 2-step ära, einfach um zu zeigen, wie mans besser hätte machen können. ausserdem eine subtile und liebevolle verbeugung vor dem labelchef mike paradinas – wer dessen letztes album kennt, weiss warum. in allen diesen tracks bemerkt man die liebe und rücksicht fürs detail sofort, zudem fällt schnell der mehr als ausreichend angesteuerte bass und eine tiefe kenntnis detailreicher breakbeat-manipulationen positiv auf. fast unglaublich zu hören, wie boxcutter den sogenannten «silver blade»-break einsetzt (ein drumloop, benannt nach einem kulttrack von dillinja und markenzeichen von boymerangs älteren drum’n’bass-produktionen). in «brood» schneidet, stoppt, kehrt und verzerrt lynn den break und benutzt ihn buchstäblich als instrument und rhythmus gleichzeitig.

ein grosses plus an «oneiric» ist die musikalische tiefe und auch ausbildung des produzenten, die das hörerlebnis von etwas, das ja eigentlich «nur» dance-musik ist, zu einer nachhaltigen erfahrung reifen lassen. nur zum beispiel «gave dub»: es ist nicht nur watteweicher kifferdub, sondern auch eine ganze lastwagenladung deeper soul, die einem schauer über den rücken laufen lässt. von «sunshine v.i.p.» und «bad you do» fangen wir noch gar nicht mal an…

wie gesagt, bis jetzt mein album des jahres, und ich wäre (wenn auch positiv) überrascht, wenn das in naher zukunft getoppt würde – besonders von einem newcomer.

01. tauhid
02. grub
03. skuff’d
04. gave dub
05. brood
06. mossy
07. rikta
08. sunshine v.i.p.
09. bad you do
10. silver birch solstice
11. hyloz
12. chlorophyll

boxcutter
planet mu

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

m.r.k.1 – ready for love ep

planet mu 2006

m.r.k.1 (früher mark one) ist eine integrationsfigur und bindeglied für die zwei frischesten und hungrigsten styles in england: grime und dubstep. als produzent des berüchtigten virus syndicates hat er auf der insel charterfolge gefeiert, als soloproduzent macht er beats, die von djs beider lager gerne und oft eingesetzt werden, und als dj rockt er die härteren dubstep-nächte gerne und regelmässig, gerne auch in begleitung eines mcs (was in grossen teilen der szene erst langsam und widerwillig akzeptiert wird). auch mit dieser platte werden wieder diskussionen und grabenkämpfe ausgelöst: darf man r’n’b als ernsthafte bereicherung eines ansonsten so offenen sounds heranziehen? wieviel subbass brauchts, damit «es» wirklich noch dubstep ist? ist es wirklich unmöglich geworden, dass grime- und dubstepheads zusammen den dancefloor rocken?

die tracks nehmen von allem das beste: die rohe, direkte energie des grime und seiner beats, die liebe und hingabe an subbass und filmsamples des dubstep. das funktioniert durchgehend sehr gut, auch wenn der titeltrack mit seinen r’n’b-frauenstimmchen doch schwer an der grenze zum bouncenden kitsch kratzt und mir nicht wirklich gefällt – auf dem floor geht das ab wie eine rakete. in den anderen drei stücken lässt er sich nicht ganz so weit auf die äste hinaus, präsentiert jedoch gut abgehangene, absolut solide bassbetonte beats, die, siehe «stardust», auch sehr subtil und zurückhaltend eingesetzt werden.

a1. ready for love
a2. daywalker
b1. rat trap
b2. stardust

mark one
planet mu

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

luke.envoy – gamma/honour kill

hotflush 2006

und noch so ein debut eines jungen produzenten, das den alten hasen wohl ordentlichen respekt einjagen dürfte. «gamma» überzeugt durch ein solides fundament von aufwendig gelayerten bässen und abwechslungsreichen drums mit vielen kleinen einsprengseln, die den langsamen gang des tracks in kurzfristigen galopp versetzen. hauptattraktion sind allerdings die leicht angehallten bleeps, ravesirenen und stimmsamples: sie geben dem ganzen eine dichte und schon fast erzählerische kraft. «honour kill» auf der rückseite arbeitet mit bombastischen orchestersamples, einem ziemlich verpeilt rumwobbelnden bass und sehr einfachen, fast schon primitiven drums. eine extrem schwierige kombination; die einzelnen elemente setzen sich leider selten wirklich zu einem grossen ganzen zusammen, sondern zu einem neben- und hintereinander durch die dauer des stücks. nur in den breaks und kurzen verschnaufpausen, die einem der bass gönnt, kann man erahnen, zu was diese kombination von sounds fähig gewesen wäre. schade.

a. gamma
b. honour kill

luke.envoy
hotflush recordings

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

emalkay – gut feeling/frequency

boka 2006

es tut gut, dubstep in bewegung zu sehen. junge wilde stossen reihenweise nach, und obwohl sich unterdessen schon ein minimaler konsens herausgebildet hat, wie dubstep zu klingen hat, werden diese noch weiten grenzen fast wöchentlich verändert, erweitert und aufgelöst. emalkays debut erfüllt diese aufgabe aus dem handgelenk. schon beim ersten ton von «gut feeling» wird klar, dass dieser junge mit grime wohl eher was anfangen kann als mit dub, dass ihm brachialität und bewegung mehr wert sind als ausgefeilte arrangements und schöngeistige beatmanipulationen. das manifestiert sich in einfach gehaltenen, aber druckvollen grimey beats, einem teuflisch bösen einton-wobblebass und billigsten, aber effektvoll aufgeblasenen synths, die eine einfache dreitonmelodie verlässlich in die hirnrinde brennen. auf der flipside bleiben sich die hauptelemente und die stimmung im grunde gleich. allerdings bekommt man hier das gefühl, dass mehr zeit investiert wurde – ein zurückhaltendes intro, aufwendig manipulierte und gefilterte bassmelodien und abwechslungsreichere drums lassen die brachialität ein wenig – aber nie zu stark – in den hintergrund treten. eine rohe und sehr ungeduldige platte, die ihre stärken wohl nur auf dem dancefloor ausspielen kann.

a. gut feeling
b. frequency

emalkay
boka records

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

elemental – deep under/sparkle

hotflush 2006

yeah, hotflush wird mit jedem release besser! auf der elf beehrt uns elemental mit seinen hochgezüchteten breaks, mit der er sich eine ganz eigene, hochgeachtete, aber (zu) wenig beachtete ecke im dubstep-gewebe geschaffen und ausgebaut hat. «deep under» errinnert ein wenig an toasties beats: die voluminösen breaks rollen, stoppen, alternieren aber immer nur sehr zurückhaltend, da ihre wirkung auch so schon verheerend ist. in kombination mit dem relativ einfachen, aber hervorragend modulierten bass stellt sich eine drängende unmittelbarkeit ein, ständig vorwärtstreibend und wieder zurückstossend, zerrend und zupfend.

«sparkle» nimmt das alles viel weniger hektisch, lässt den elementen reichlich platz, sich im hall und echo zu entfalten und wird in der zweiten hälfte schon fast meditativ deep, wozu auch der warme, raumfüllende subbass erheblich beiträgt. die funkelnden, klingenden tupfen auf dem ganzen verpassten dem track wohl noch den passenden namen.

a. deep under
b. sparkle

elemental
hotflush recordings

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

ebola – predator – wrong music schwarzenegger series

wrong music net lab 2006

wrong music hat ein netlabel eröffnet und macht gleich einen wüsten einstand. ebola, einigen bekannt von seinem album auf dem «wrong»-mutterlabel und diversen 7-inches auf verschiedensten kleinstlabels, startet hiermit den ersten teil der «schwarzenegger series», eine hommage an «the greatest action hero/method actor in the known universe». hier wird geballert, dass die fetzen fliegen – yeah, predator halt. «mac (wild boar mix)» und «dillons arm (cia mix)» sind brachialste dubstep-brecher, die drop the lime alle ehre gemacht hätten. «jungle warfare» ist genau das, und «did you find hawkins?», aber auch «dutch gabba» sind annäherungen an hysterischen gabber mit vielen rhythmuswechseln und sampleoverload, wie er von leuten wie hellfish oder dolphin perfektioniert wurde. eingebettet wurde das ganze in filmzitate und szenenmusik von predator, was dieser ep eine sehr düstere, von schussgeräuschen und schmerzensschreien durchlöcherte atmosphäre verleiht. ein sehr guter, wenn auch bösartiger erster release auf diesem neuen label, das einiges erwarten lässt. ich freue mich schon auf die terminator-platte!

01. mac (wild boar mix)
02. jungle warfare
03. blain (r.i.p.)
04. did you find hawkins
05. dillon’s arm (cia mix)
06. dutch gabba

ebola
net-lab

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

dusk & blackdown – drenched/submerge

keysound 2006

ein atmosphärisches und sehr dichtes debüt von londons wohl wichtigstem kommentator und beobachter der rasant wachsenden dubstep-bewegung, blackdown alias martin clark. in kollaboration mit dusk präsentiert er mit dieser platte eine sehr eigenständige und frische interpretation des londoner undergrounds, und dies im wahrsten sinne des wortes.

«drenched» beginnt nämlich mit einer spätnächtlichen u-bahnfahrt mit all ihren melancholischen geräuschen und einsamen ansagen. plötzlich setzt ein beat ein, langsam und trotzdem zerrend, zusammengebraut aus mindestens fünf bis sechs verschiedenen schlaginstrumenten. bald darauf ein unglaublich tiefer subbass, der sich von nun an als gehaltener ton durch den ganzen track zieht und das paradoxe gefühl von gleichzeitigem stillstand und konstanter bewegung vermittelt…

die flipside ist nicht minder faszinierend, arbeitet jedoch mit einer viel grösseren bandbreite an sounds, allerfeinst und luftig verwebt: zercuttete stimmen aus der echokammer, fieldrecordings, wobbelnde synths im hintergrund, ein fast schon gezupft anmutender bass, schlaghölzchen und in der zweiten hälfte grandios verfremdete und tieftraurige rave-streicher. die melodie steigert sich laufe des tracks zum ultimativen begleiter an einem lausigen, verregneten frühlingsabend und man weiss, dass man diese platte nie wieder aus den händen geben wird.

a. drenched
b. submerge

blackdowns blog
keysound recordings

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

distance – traffic/cyclops

planet mu 2006

schön zu sehen: dubstep wird wieder härter und schneller. distance hat zwar noch nie ein herz für die schwächlinge unter den musikliebhabern gezeigt, trotzdem ist diese single mit abstand das mörderischste und rockendste, das er jemals veröffentlicht hat. und da in den letzten monaten der trend immer mehr richtung verlangsamung, dekonstruktion und minimalisierung der grundlegenden 2-step-rhythmen ging, tut es richtig gut zu hören, dass auch subtile aggressivität und härte noch freunde und käufer findet. «traffic» ist leicht verlangsamter, entschlackter elektronischer heavy metal und illustriert gut nachvollziehbar die haupteinflüsse und inspirationen von distance, die im nu-metal und hardcore-bereich liegen. die drums sind samples von rock-kits und der bass wird so intensiv durch die mangel gedreht, dass er sich wie ein korn- oder sepultura-riff auf ketamin anhört. obendrauf noch einen fast schon klassischen rave-synth gepackt, und schon ist die menge am moshen – garantiert!

«cyclops» nimmt das thema auf, wirkt aber durch den pointierten bass und die fragilen, oft an photek errinnernden beats viel zurückhaltender und beherrschter. hall und echo werden meisterlich eingesetzt und beim genauen hinhören können mindestens vier verschiedene bass-sounds unterschieden werden, die sich die arbeit teilen. überhaupt wurde hier viel liebe in details gesteckt, die sich erst bei wiederholtem hören erschliessen.

a. traffic
b. cyclops

distance
planet mu

erschienen am 05.06.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

vex’d – bombardment of saturn/killing floor

planet mu 2006

mit einer verspätung von fast zwei monaten kommt nun diese erste vex’d-single seit fast einem jahr endlich auf den markt. das warten hat sich gelohnt: «bombardment of saturn» schlägt einem – nach einem langen, sehr athmosphärischen und bombastischen intro – mit einem brutalen, druckwellen erzeugenden bass und grimmigen beats direkt in die magengrube. man kann sich eine bombardierung des saturn plötzlich ohne probleme vorstellen und möchte sie lieber aus sicherer entfernung erleben.

«killing floor» auf der flipside ist nicht minder böse und überzeugt durch einen cleveren aufbau, wirkungsvoll gesetzte pausen und eine schmutzige, hinterhältig zutretende bassline. der hohe, leicht angehallte sinuston in den ruhephasen erzeugt eine beklemmung, die an einen guten psychothriller errinnert – und bevor man weiss, was der grund des unbehagens ist, schlägt das verhängnis von unerwarteter seite zu.

a. bombardment of saturn
b. killing floor

vex’d
planet mu

erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin

 

loefah – the goat stare/root

dmz 2006

zwei superminimale und hypnotische tracks von loefah, der schon das dritte mal auf dmz veröffentlicht und diesmal die ganze platte für sich bekommt. «goat stare» gesteht den beats raum und ausgiebigen hall zu, der bass ist monoton und äusserst zurückhaltend moduliert. der titel wie auch die leidenschaftslosen sprachsamples verweisen auf ein experiment amerikanischer wissenschaftler, die einen ziegenbock durch kollektives anstarren und intensives totwünschen umbringen wollten. keine ahnung, ob es gewirkt hat, aber der bezug passt gut zum zwar ruhigen, jedoch keineswegs freundlichen track.

«root» ist ähnlich zurückhaltend, der rhythmus steht jedoch mehr im vordergrund und vermag somit auch mehr druck aufzubauen. kleine, kontrollierte, aber dennoch intensive ausbrüche halten den zweiton-bass interessant. trotzdem wünscht man sich zuerst, dass doch ein bisschen mehr abwechslung geboten würde – bis man sich die zeit nimmt, all die kleinen und kleinsten details zu würdigen, die sich in den vielen lücken dieses sounds verstecken. eine sehr deepe, intensive, aber auch fordernde platte.

a1. goat stare
a2. root

loefah
dmz

erschienen am 18.03.2006 im kommerz.ch onlinemagazin