pippo lionni – facts of life

laurence king publishing 2001

der new yorker designer, grafiker und künstler legt mit ‚facts of live‘ ein kleines, aber ganz feines buch vor. aufbauend auf der bildsprache der piktogramme, wie sie uns von der wc-türe bis bahnschalter begleiten, stellt er ganz allgemeine, sehr offen gestaltete situationen oder aussagen dar, deren interpretation und deutung jedem selbst überlassen ist. lionni versteht seine ‚facts‘ darum auch nicht als piktogramme, sondern viel eher als ‚ideogramme‘, also bilder, die gelernt und hinterfragt werden wollen. ganz klar herauszulesen sind allerdings seine zweifel und kritiken an den vereinfachungen und denkschemen unserer konsumgesellschaft, die er allerdings niemals plump anprangernd, sondern immer subtil und mit hinterhältigem humor darstellt. themen wie markengeilheit, vorurteile, medienabhängikeit und kommunikationsunfähigkeit werden angerissen – und wer denkt, dass eine minimalisierte, ikonografische bilddarstellung automatisch auch einfache, verbindliche und vor allem standardisierte aussagen zeitigt, der wird sich hier angenehm enttäuscht finden.

pippo lionni versucht mit diesem kleinen werk eine nichtlineare, unstrukturierte bildsprache zu entwickeln, allgemein lesbar. weder als optimistisch noch pessimistisch, sondern als kritisch und non-dekorativ will er seine bilder verstanden wissen.

‚if, as images, they are beautiful it is not intentional.‘

www.laurence-king.com

jakob arjouni – kismet

diogenes verlag 2001

im vierten und bisher neusten abenteuer des deutsch-türkischen privatdetektivs kemal kayankaya fängt alles ganz harmlos mit einem freundschaftsdienst an, entwickelt sich aber schnell in ein brutales desaster, einen gnadenlosen bandenkrieg im herzen frankfurts. stumme, seltsam geschminkte schutzgelderpresser mit blonden perücken und rücksichtslosem vorgehen bringen die machtverhältnisse im bahnhofsviertel durcheinander und verbreiten angst und schrecken im milieu. kayankaya ermittelt, und schon bald tummeln sich kriegsgewinnler, organisiertes verbrechen und eine rätselhafte, faszinierende frau auf den strassen der grossstadt.

arjounis detektivromane stechen aus der deutschen krimilandschaft hervor. seine schrägen figuren, seine schnoddrigkeit und die beschriebenen brutalitäten lassen sich niemals zum selbstzweck degradieren, und seine präzision und sprachgewandheit fesseln. immer werden themen angesprochen, die an aktualität und brisanz nichts vermissen lassen, wie in diesem fall der krieg in jugoslawien, der wahnsinn des nationalismus und immer wieder sie situation der flüchtlinge in deutschland. dies macht die lektüre oft auch unbequem und regt zum nachdenken an, denn arjouni weiss, worüber er schreibt und wo sich die wunden punkte in selbstzufriedenen denkschemata befinden.

trotzdem ist dieses buch vor allem spannend, unterhaltsam und macht verdammt spass zu lesen!

www.diogenes.ch

reto p – japan mixtape

eine wahre offenbarung für mich, da ich von japanischem hiphop – abgesehen von dj krush und honda – null ahnung habe. reto p mixt fliessend und unaufgeregt fette beats und elegante reime in japanischer und englischer sprache, und origamigleich eröffnet sich hier eine welt abseits von stumpfen 0815-hooks und gangster-attitüden.

liebe zum detail ist diesen tracks anzuhören, die samples sind zurückhaltend und abwechslungsreich eingesetzt und den stimmen nimmt man die leidenschaft für musik als lebenseinstellung sofort ab. die beats sind dick und rund produziert, knistern oft ziemlich schmutzig vor sich hin und lassen errinnerungen an die zeiten wach werden, als die east coast im business noch den ton angab und fast täglich standards setzte. wer also auf stilvolle aggressivität und druck steht und die ohren auch mal von ungewohnten sprachmelodien und rhythmen verwöhnen lassen will, ist mit diesem mixtape mehr als gut bedient.

drop the lime – gutterbreakz mix

eine interessante neuorientierung ist hier dokumentiert, die stellvertretend für die musikalische entwicklung der mittlerweile doch sehr zerrissenen breakcore-szene stehen könnte. dtl ist ja kein unbekannter in der grossen und bunten welt der harten und schnellen breaks und avancierte mit seinem letzten album auf tigerbeat6 [‚this means forever‘] gar zu sowas wie dem posterboy aller respektlosen, breakbeat verhäckselnder bedroom-producer. nun hat er für gutterbreakz einen mix zusammengestellt, der ausschliesslich aus seinem neusten und unveröffentlichten material besteht und der wohl so einige fans ziemlich verdattert zurücklassen durfte.

das erste was auffällt in diesem knapp halbstündigen mix ist die geschwindigkeit. düster grollend und nur widerstrebig setzen sich schwere, athmosphärische beats in bewegung, ungewohnt langsam und mächtig wie ein bulldozer. nach ein paar minuten kommt ein peitschendes snare dazu, der rhythmus wird energetisch steppend. spätestens hier wird klar: dieser mann hat die entwicklung der englischen grime- und dubstep szene genau beobachtet und für seine musik konsequenzen gezogen. die heissen: das tempo zurücknehmen um raum zu schaffen, dub als vorgehen und nicht als sound begreifen und nicht zuletzt härte als heaviness im bassbereich und nicht als hochgeschwindigkeits-breakbeatgewitter inszenieren. das funktioniert erstaunlich selbstverständlich und unaufgeregt wie man es schon lange nicht mehr gehört hat und man darf gespannt sein, wie sich diese wandlung in den nächsten veröffentlichungen niederschlagen wird. das nächste album ist auf jeden fall schon angekündigt…

00:00 strong pony
03:19 coal box black
05:36 man deer hunted
09:15 brooklyn skank (forthcoming on ruff records, ruff 001)
11:33 guts (dollars down mix)
13:10 club diggerz (maudcore – dtl remix)
14:05 scary love (dub mix, forthcoming on „we never sleep“, tigerbeat6 rec)
17:17 grills
19:15 oceans (4×4 mix, forthcoming on „we never sleep“, tigerbeat6 rec)
21:06 life vest
24:00 bad girls (forthcoming on trouble and bass)

http://gutterbreakz.blogspot.com/

monoblock b – machine

7b records 2001

dies ist der erste release vom neuen label 7b aus zürich unter der leitung des hyperaktiven hans spieler. leider kann ich die tracks nur über die online gestellten mp3’s beurteilen; trotzdem will ich dazu nicht schweigen, denn monoblock b legt mit dieser platte die messlatte so hoch, dass dass man dieses label (und den künstler) einfach im auge behalten muss.

‚i win‘ legt gleich von anfang an los mit einer dicken, monotonen bassline und einer trockenen bassdrum, die beide miteinander schon in den ersten sekunden eine hypnotisierende und faszinierende wirkung auf den hörer ausüben. dazu ein verzerrtes stimmsample und treibende, fast schon funkige hihats. man merkt schnell: der mann ist gewohnt, so viel wie möglich aus seinem material rauszuholen. so entwickelt sich der track mit den obengenannten elementen zu einem hypnotisch-saugendem ungetüm, das einem am ende etwas ausser atem stehenlässt. aber schon startet ‚everyone‘, nimmt das tempo ein wenig zurück und drückt dafür einen schmutzig gurgelnden bass aus den boxen. eine stimme sagt ‚everyone‘ und schon findet man sich in einem dschungel aus effects, geräuschen und sich rivalisierenden stimmensamples. eine kluge dramaturgie und lichte stellen sorgen dafür, dass das interesse nie erlahmt.

der eigentliche rocker auf der platte ist allerdings ‚machine‘, der eigentlich ziemlich harmlos mit einem ähnlich fett schmatzenden basslauf startet wie ‚everyone‘, sich aber über kurz oder lang zu einem schwerfällig-bösen monster mit verzerrten drums und einer kaum vorstellbar zerstörten und kaputten synth-melodie auswächst. könnte für ein paar verschwitzte tänzer sorgen…

wie gesagt: eine sehr gute, eigenständige und überzeugende erste veröffentlichung – ich bin gespannt!

01. i win
02. everyone
03. machine
04. le jeux

http://www.7b.to
7b.to/monoblockb

agf – westernization completed

musork orthlorng 2003

antje greye-fuchs ist ja ganz und gar kein unbeschriebenes blatt mehr, was das das elektronische musikschaffen angeht. als sängerin von laub hat sie schon einigen liebhabern guter musik das gehör verwöhnt und unter dem kürzel agf eine fantastische platte (‚head slash bauch‘) veröffentlicht.

nun kommt die zweite, und sie ist noch besser. die spartanisch wirkenden kompositionen aus clicks, bleeps und glitches winden sich wie fremdartige pflanzen um antjes faszinierende und zurückhaltende stimme, die sich gekonnt und sicher im grossen spannungsfeld zwischen lyrik, gesang und spoken word bewegt. und dies erstmals in englisch, was zuerst irritiert und die unglaubliche nähe und intensität aufzuheben scheint, die vor allem auf den laub-platten zwischen ihr und dem hörer aufgebaut wurde. dann aber hört man, dass sich nur die umstände verändert haben, nicht aber die leidenschaft und liebe, die aus dieser unterkühlt wirkenden musik spricht. im gegenteil, antje greye scheint noch direkter zu werden und genau dies eben nicht nur mit worten, sondern auch durch die musik zu zeigen: noch nie wurden töne so sorgfältig aufgebrochen, stille und pausen so mit spannung und erwartung gefüllt, um dann den nachfolgenden klang als die totale befreiung zu feiern.
auf jeden fall sehr private musik und am besten in guten kopfhörern.

01. lets make our movies
02. ambient trust
03. private birds
04. refail
05. chorizon
06. leaving with hope
07. my patch
08. in between movies
09. poem producer
10. you stop
11. contemporary westernized
12. pipe dream voices
13. lets go!

www.musork.com