tempa 2006
Schon knapp vier Monate nach dem dritten Teil liegt nun schon die vierte Folge dieser Mix-Compi Serie vor, die von der interessierten Öffentlichkeit unumstritten als das Sprachrohr der Platten- und Dubplatefixierten Dubstep-Community wahrgenommen wird. Und natürlich gibts auch hier wieder tonnenweise unveröffentlichtes Vinyl zu hören, diesmal sogar auf zwei CDs. Die eine gemixt von Youngsta, der schon für Volume 2 hinter den Plattentellern stand, die andere von Hatcha, der den selben Job bei der ersten Ausgabe übernahm. Das riecht ein bisschen nach Vetternwirtschaft und Stillstand, und der erste Vorwurf hat bestimmt auch seine Berechtigung. Trotzdem dokumentieren diese Mixes die aktuellen Entwicklungen des Dubstep-Sounds sehr angemessen.
Youngsta, bekannt und verehrt für sein tightes und fast schon visionäres Mixing, dokumentiert die immer stärkere Vorliebe vieler Produzenten zum kargen, minimalen Halfstep (halb so schnell wie ’normal‘, also ca. 70bpm) und die vollständige und radikale Abkehr von den ursprünglichen rhythmischen Grundlagen dieser Bewegung, nämlich der swingenden, tanzbaren 2-Step-Beats. Man kann dies im besten Fall hypnotisch und meditativ finden, im schlechtesten ist es einfach langweilig. Leider trifft hier meistens der zweite Fall zu. Der Mix groovt kaum, die Tracks ähneln sich alle viel zu sehr und eine Dramaturgie ist nicht auszumachen. Gelegentlich sticht ein Track heraus, wie z.B. das grossartige ‚Descent‘ der Headhunters oder der D1 Remix von Skreams ‚Warning‘. Trotzdem bleibt das Ganze eine steife, ungemütliche Angelegenheit und die Befürchtungen mehren sich, dass Dubstep sich tief in den Einöden eines ernsthaften und untanzbaren Minimalismus‘ verloren hat.
Hatcha vermag diese Ängste mit dem zweiten Mix teilweise zu zerstreuen. Immer noch grösstenteils im Halfstep-Tempo gehalten, bringt seine Zusammenstellung Facetten und Ideen zum Vorschein, die sich als Ausweg aus der obengenannten Einöde anbieten: Vermehrter Einfluss karibischer Elemente, pointierte Einsätze gesampleter Breaks und Stimmen und eine rhythmische Freiheit und Experimentierfreude, die einem Genre zwischen Dub, Garage und Soundsystem wohl ansteht. Auffällig sind hier Bengas Beats: Abwechslungsreich, immer spannend, immer wieder überraschend bilden seine Tracks Eckpunkte in dieser Auswahl, die – das gilt für beide Mixes – mal wieder nur fünf oder sechs verschiedene, meist etablierte Produzenten berücksichtigt. Was sehr schade ist wenn man bemerkt, wieviele frische und hungrige Künstler im letzten Jahr vom Dubstep-Virus angesteckt wurden und Tracks produzierten, die sich vor den hier präsentierten sicher nicht verstecken müssen. So bleibt der Vorwurf der Vetternwirtschaft wohl im Raum hängen und wirft einen unschönen Schatten auf den Anspruch dieser Mix-Reihe, die neusten und aktuellsten Entwicklungen dieses Sounds zu präsentieren.
tempa
erschienen am 08.08.2006 im kommerz.ch onlinemagazin