palmer – surrounding the void

czar of bullets 2017

fast sechs jahre nach ihrem letzten album legen palmer heute – endlich! – ein neues werk vor. doch was soll man sich beschweren: schon beim ersten durchhören wird klar, dass die zeit weise genutzt wurde. auch wenn man die musik stilistisch noch immer unter athmosphärisch dichtem metal mit sludge- und noiseeinflüssen einordnen kann – was komposition und songwriting, das selbstvertrauen und sicherheit im zusammenspiel, aber auch die produktion und das sounddesign angeht: die wandlung und weiterentwicklung der langenthaler band ist sowohl in der tiefe als auch in der breite beieindruckend.

gleich zu beginn fällt auf, dass der noise-anteil markant erhöht wurde. ein fast melodieloser, ans weisse rauschen grenzender gitarrenlärmteppich zieht sich durch die ersten, vor einladender aggression strotzenden minuten und ergibt mit steve dieners effektgeladener stimme einen brodelnden wirbel, der sich jedoch langsam klärt und in der mitte des tracks in einen fast ambienthaften ruheraum mündet. auch wenn dieser immer wieder vor explosiven attacken lärmerfüllten hasses erzittert und schlussendlich kollabiert, zeigt sich hier beispielhaft die gewonnene sicherheit und das vertrauen dieser band, ganz auf klang und athmosphäre zu setzen und mit subtil eingesetzten effekten ungeahnte weite zu schaffen. im kontrast zu klaustrophobisch-gequälten gitarrenparts ergeben sich dabei thrillerhafte spannungen, wie es zum beispiel bei ‚divergent‘, aber auch ‚implosion‘ aufs schönste nachzuhören ist. das ganze werk bewegt sich meist in eher düsteren, manchmal gar verzweifelten emotionalen graubereichen, sowohl textlich als auch athmosphärisch. zum glück hat man trotzdem keine angst vor ausgedehnten gitarrenparts mit zwar getragenen, jedoch warmen melodien und minutenlanger versunkenheit in psychedelisch verhallte klangwelten. so werden dem zuhörer immer wieder atempausen und vereinzelte flecken sonnenlichts gegönnt. diese können ausgedehnt und funkelnd klingen wie bei ‚artein‘, aber auch kurz und trocken eingestreut wie in ‚misery‘, wo sie das gefühl der hoffnungslosigkeit mit ihrem abrupten ende eher noch verstärken.

dass dies alles so einheitlich und aus einem guss klingt wie auf diesem album, ist eine respekteinflössende leistung und nur teilweise auf die fantastische produktion zurückzuführen, die punktgenau zwischen dem einsatz fast schon jazziger klangbrillanz, erstickender soundwälle und psychedelischer klangfarbigkeit abwägen kann. den anderen, grossen teil trägt die band mit ihrem mut zum experiment, ihrem eingeschworenen zusammenspiel und grosser erfahrung selber bei.

das album gibts hier zu kaufen:

czar shop
itunes
plastic head
cede.ch

palmer spielen morgen mit zatokrev und wolf counsel in der met-bar in lenzburg, danach hier:

17.03.2017 royal, baden
18.03.2017 improvisorium, huttwil
05.05.2017 grabenhalle, st. gallen

indira chang – urban fakelore

lalamusik 2017

endlich, endlich ist es soweit: das beste netlabel überhaupt hat einen neuen release veröffentlicht! nun, ist der superlativ vielleicht auch persönlicher freundschaft geschuldet, an einem gibt es nichts zu rütteln: nach zwei jahren funkstille gibt es wieder musik, und – soviel darf man schon jetzt verraten – das warten hat sich absolut gelohnt. denn lalamusik zeigt auch diesmal wieder in aller pracht, dass sie unter den unzähligen gratis releasenden webkollektiven nicht umsonst eine herausragende position einnehmen: ein gnadenlos konsequent durchgezogenes konzept, das von der auswahl der einzelnen künstler über die individuellen pseudonyme und liebevoll-schrullig verfassten lebensläufe bis hin zu einer starken grafischen linie alles vereint, was eine eigentliche kuration ausmacht, kombiniert mit radikaler musikalischer freiheit und grosser persönlicher leidenschaft hat dazu geführt, dass das label auf nun sieben hochkarätige und eigenständige releases in albumlänge zurückblicken kann. jeder einzelne davon übertrifft in qualität und gehalt den durchschnitt des netlabelausstosses um längen. es versteht sich von selbst, dass diese qualität bei aller leidenschaft auch zeit und geduld in anspruch nimmt, und so kann zwischen zwei veröffentlichungen gerne mal ein jahr oder mehr verstreichen. seis drum, das warten ist vorbei, indira chang sei dank!

der düster knatternde, bassgeladene einstieg in ‚urban fakelore‘ macht klar: es gilt wieder ernst! war lala006 noch eine in allen farben funkelnde pop-perle und der humor allgegenwärtig, wird hier in nicht mal zwei minuten mit ernüchternder effizienz eine dystopisch-halbdunkle grundstimmung erzeugt. gleich darauf jedoch ein erster sonnenschein durch die radioaktiv drückende wolkendecke: das intro von ‚taumel‘ besteht aus matt glitzerndem glockenspiel, hoffenden streichern und der leicht belegten stimme laliers. heller wirds jedoch nicht, und  in der u-bahn der stadt, melancholie und einsamkeit besingend, lässt sie sich von einem schleppenden beat und voluminösen bass begleiten. manchmal wirds dunkler, manchmal kommt man wieder an die oberfläche: der refrain ist selbstbewusst und trotzdem traurig, die weiche melodie vorsichtige zuversicht verströmend. dies ist sicher der zugänglichste track des albums, nur schon durch die mitwirkung laliers – umso mehr erstaunt es, dass jetzt ‚george and the sausage‘ ein video erhalten hat: der track erinnert in seiner dunklen, dubbig verhallten bedrohlichkeit stark an die new yorker illbient-experimente der späten neunziger. wenn in der zweiten hälfte dann eine orgel eine einfache melodie anfängt zu spielen, wirkt das erst trügerisch einfach und belanglos, wird dann aber mit zunehmender intensität und mehrstimmigkeit zum leuchtenden wegweiser durch die düsternis. das video bricht diese stimmung mit stark kontrastierten schwarzweissaufnahmen aus dem nordafrikanischen raum, die in psychedelisch anmutende vor- und rückwärtsschlafen geschnitten wurden.

und ja, es bleibt grösstenteils düster, auch wenn es fast in jedem track ein element gibt, das ein musikalisches gegengewicht bilden kann: in ‚douche‘ ist es der überraschend leicht wirkende, unbekümmert vorwärtsschreitende housebeat, der dem knurrenden bass an die leine legt und sich von den fiesen horroreffekten nicht beeindrucken lässt, beim langsam kriechenden ‚whistling past the haze‘ sind es wieder glockenspiel und violinen, die licht und wärme in die verhallten katakomben des schlechtgelaunt lauernden bass- und beatmonsters bringen. nach dem athmosphärisch wobbelnden jazz der ‚interlude‘ gehts dann überraschend rockig und analog klingend zur zur sache, treibende drums und verzerrter bass, gitarre (?) im solomodus und kreischende effekte sorgen für adrenalin und zuckende beine, bevor ’slumber‘ das tempo wieder reduziert und die synths zwar immer noch lärmen und zischen, aber schon deutlich müde klingen. der bass hingegen bleibt gefährlich und bringt den boden auch hier bedrohlich zum wanken.

was für ein abschluss und gegensatz dazu ‚the dictorator‘! ausschnitte aus charlie chaplins wundervoller, immer zeitgemässen schlussrede in ‚the great dictator‚ werden von agilen, agressiven drum’n’bass-beats umtanzt, die nur kurz von sphärischen pianostabs zum atemholen unterbrochen werden. das drumfeuerwerk setzt einen furiosen schlusspunkt unter ein album, das es in seinem tempo zwar nicht repräsentiert, hingegen auf unerwartete weise perfekt abrundet.

beneath – no symbols 006

no symbols 2016

mit no symbols hat sich beneath einen raum geschaffen, wo er seine vision von vorwärtsorientierter clubmusik unbeeinflusst von labelpolitics und geschmacksvorgaben ausleben und weiterentwickeln kann. die minimale gestaltung und der verzicht auf jedwelche werbung und sonstigen firlefanz machen schon von vorherein ziemlich klar, dass es sich hier um ein no bullshit-projekt handelt: die musik soll gelten, sonst nichts.

dieser ansatz prägt die releases, aber auch die tracks selbst: „lifted“ ist ein sperriges dancefloormonster, das sich mit seinen eckigen, ungelenk anmutenden, aber dadurch nicht weniger brutalen beats und dröhnenden synths zwischen all die stühle hockt, die in den letzten monaten von labels wie livity sound, timedance oder gutterfunk besetzt wurden. was die klassishen trackstrukturen angeht, lehnt sich beneath hier wieder sehr weit aus dem fenster, und auch die b-side „cack“ widersetzt sich unbekümmert dem mainstream, diesmal mit stolpernder bassdrum und toms, die sich gerade noch dem marschmusikhaften entziehen. die synthmelodien sind trotz ihres robusten sounds nie wirklich greifbar, nur der unglaublich tief hinabreichende bass bietet orientierung und halt.

für die vinylkäufer gibts dazu noch „fuck y’all“, das ein klein wenig vertrauter und besser verdaulich klingt, aber durch die acidlastigen leads ganz bestimmt nie langweilig wird.

hirsch & eigner – stalker / swoop

~ous 2016

mit einer neuen 7″-single erweitert ~ous seinen noch kleinen künstlerkatalog um den deutschen diy-instrumentenbauer und künstler andreas oskar hirsch und den österreichischen schlagzeuger, perkussionist und field-recordings-spezialist richard eigner. das kleine schweizer label verfolgt hiermit konsequent weiter seinen weg, experimentelle, analog und digital neuartig kombinierende musik in kleinen, aber edlen auflagen unters volk zu bringen.

auf beiden tracks spielt oskar hirsch auf einem umgebauten palmblatt, was ungewohnte, an xylophone errinnernde klangbilder ergibt. kombiniert mit richard eigners spielerischen, aber immer sehr klar strukturierten beats entsteht ein luftiger, in aller geräumigkeit spartanisch wirkender sound, der mit kleinsten effekten und verschiebungen wirkung zu schaffen versteht. dies funktioniert vor allem bei „swoop“ sehr gut, wo mit diesen mitteln trotz der kurzen laufzeit eine spannende thrillerathmosphäre voller dynamik erreicht wird.

diese scheint bei „stalker“ leider zu einem grossen teil nicht vorhanden zu sein, was vor allem an der kaum variierten, fast schon simplen melodie liegen mag, die mit dem relativ einfachen rhythmus zwar eine schöne klangliche einheit ergibt, aber kaum eine interessante entwicklung aufweisen kann. die fantastische qualität und fast schon greifbare räumlichkeit der aufnahme kann leider nicht über die fehlende tiefe und komplexität der komposition hinwegtäuschen.

burial – young death / nightmarket

hyperdub 2016

eine weile schon in aller stille aus diversen shops und ab heute ganz plötzlich auch auf bandcamp erhältlich, gehört diese single wohl zu den sehnlichst erwarteten stücken musik dieses jahres. denn abgesehen von einer kollaboration mit zomby war von burial dieses jahr nicht viel zu hören, und auch letztes jahr bliebs abgesehen von einem release auf keysound ziemlich ruhig.

umso höher schlägt das herz schon bei den ersten takten von „young death“, wenn eine durch die mangel gedrehte r’n’b-stimme über knisternder athmosphäre ihr wehklagen anstimmt. man spürt das tiefe pochen der bassdrum mehr, als man sie hört, und wieder kommen vergessene heimwege aus clubnächten hoch, verregnet, wehmütig, begleitet vom tinitus und dem müden nachflimmern der euphorie. burial ist ein meister im beschwören genau dieser stimmung, und das scheinbare zerfallen des tracks in mehrere teile, die zerfahren wirkende hantieren mit ideen, melodien und samples trägt nur dazu bei, sie um eine sanfte portion benebelter paranoia anzureichern.

ähnliche mittel werden auch bei „nightmarket“ eingesetzt, nur mit anderem effekt und klarer sichtbar scheinendem roten faden. dieser wird gebildet durch eine wundervoll subtil modulierte synthlinie, die jedoch durch weissrauschende statikeinbrüche immer wieder durchtrennt und unbeholfen scheinend wieder zusammengeknüpft wird. gegen ende wirken die synths triumphierend, die störgeräusche bäumen sich auf zu kaum erkennbaren beats, dann jedoch verhallen auch diese und die strasse hat dich wieder…

dave eleanor – monologues

blaublau 2016

heute ist es soweit: nach fünf eps, zahllosen live- und dj-auftritten und diversen remixes steht dave eleanors debutalbum zum verkauf. für langjährige fans und geduldige beobachter seiner musikalischen karriere ist dies der vorläufige höhepunkt einer entwicklung, die fast schon beispielhaft und auf eine stetige weise organisch vonstatten ging.

hört man sich seine eps in chronologischer reihenfolge an, ist es schwierig, die langsame evolution von eher dancefloorbasierten tracks zu immer komplexeren popsongstrukturen nicht wahrzunehmen. auch der vermehrte einsatz von gesangsstimmen, die immer intimer, wärmer und runder anmutenden sounds und texturen sind charakteristika, die wahrnehmbar geduldig und liebevoll über jahre erschaffen und gepflegt wurden. insofern stellt der ‚bass pop‘, wie er seine musik nun auf diesem album nennt, das stolze und vorerst abschliessende ergebnis einer überaus hingebungsvollen und nachhaltigen arbeit am eigenen sound dar. songs wie das maxinquayeske ‚i say goodbye‘ mit blanka und len sander oder das melancholische ‚heading back west‘ geben zeugnis, mit welcher sicherheit und leichtigkeit eleanor seine langen lehrjahre mit raffinierten sounds und butterweichen beats in verhalten funkelde popjuwelen destillieren kann.

leider – auch das muss gesagt werden – sind dieser entwicklung hin zu einem eigenen und wiedererkennbaren sound auch immer mehr elemente zum opfer gefallen, die gerade die ersten beiden eps so spannend und aufregend aus der schweizer musiklandschaft ragen liessen. das spielerische, manchmal auch rauhe und überraschende der oft tanzbaren, von dubstep und bass music beeinflussten beatkonstruktionen wurde stark zurückgebunden und gezähmt, was unter anderem sicher auch dem gewünschten, abgerundeten klangbild eines longplayers geschuldet ist. tracks wie das düster brodelnde ‚black cracks‘ mit dem fantastischen raspie tönen jedoch an, wo in dieser richtung das potential liegen könnte, und die hoffnung bleibt intakt, dass dave eleanor dieser seite seiner musik auf hoffentlich bald folgenden weiteren singles und eps wieder mehr raum zur entfaltung lässt.

zuvor steht jedoch das präsentieren dieser musik im livekontext im vordergrund, und eleanor lässt es sich nicht nehmen, dies gleich mit einer grossen europatournee in angriff zu nehmen. die daten dazu findet man hier.